Prolog
Der Tag, an den ich so oft zurückgedacht habe, liegt mehr als drei Jahre zurück. Es ist ein Tag im November 2017, und ich stehe auf einem Feld vor einem Dorf in Westafrika, in Sierra Leone, ganz im Norden, an der Grenze. Ich bin nicht allein.
«Runter», sagt Mamadou und zieht an meinem Hosenbein. Ich setze mich neben ihn auf das flachgedrückte Gras. Wir sitzen verborgen von hohen Halmen am Boden. Ein Junge fährt langsam auf einem Fahrrad einen schmalen Feldweg hoch, nur ein paar Meter von unserem Versteck entfernt. Mamadou zuckt zusammen. Er ist nervös, dabei kamen wir eigentlich hierher, um uns zu erholen.
Zwei Tage zuvor sind wir in Mamadous Heimatdorf Sainya angekommen. Ein paar Häuser, ein paar Hütten, eine Sandpiste. Kein Laden, aber eine kleine Holzbude, die Softdrinks verkauft. Ausser am Sonntag – verboten, sagt die Frau, die im Schuppen sitzt.
Ich kenne Mamadou aus der Schweiz, wo er fast zwei Jahre lang gelebt hat. Aber das ist kein normaler Heimatbesuch. Die Schweiz hat Mamadou ausgeschafft. Und ich begleite ihn auf seiner Reise zurück.
Mamadou hat Sainya vor mehr als zehn Jahren verlassen. Er ist über Ghana, Niger und Libyen in die Schweiz gelangt; er hat die Sahara durchquert und dem Mittelmeer getrotzt. Er hat das geschafft, wovon so viele träumen: in der Schweiz gearbeitet, etwas Geld gespart, etwas Deutsch gelernt. Er tat, was er tun konnte. Aber als Wirtschaftsflüchtling aus Sierra Leone hatte er nie eine Chance auf eine Aufenthaltsbewilligung.
«Gut, hat er uns nicht gesehen.» Ich schaue Mamadou überrascht an und sehe, wie er einen Joint aus dem Hosensack zieht. «Der ist zwar schwach, aber ich will nicht, dass sie uns sehen.» Ich wusste nicht, dass Mamadou kifft, aber es ist mir auch egal. Wir sitzen in diesem gelben Grasmeer, alles ist in rotes Licht getaucht, es bläst ein warmer Wind, und von Mamadou fällt etwas ab, eine Anspannung, ein Schutz.
Manchmal war Mamadou in den vergangenen Tagen sehr ruhig gewesen, in manchen Momenten schien er fast glücklich. Ich stand neben ihm, als er Onkel und Tanten gegenübertrat, die nichts von seiner Reise gewusst hatten, hörte zu, wie sie ihn befragten, beobachtete, wie er den Fragen auswich. Wir übernachteten bei Verwandten und im Haus seiner verstorbenen Grossmutter. Sehr oft wirkte Mamadou erschöpft: Allein ist man in Afrika nie.
Als der Joint glimmt, beginnt er zu reden. «Weisst du, Michael, ich bereue es nicht. Dass ich das gemacht habe. Die Reise, meine ich. Ich habe viel gelernt. Ich bereue es nicht.» Ich warte und sage nichts. «Ich hätte mehr Geld verdienen müssen. Mehr sparen müssen in der Schweiz. Das ist schade. Aber ich bereue es nicht, dass ich es versucht habe.» Ich schweige weiter. Ich glaube, Mamadou erwartet in diesem Moment nicht, dass ich etwas sage. «Aber manchmal ist es nicht gut. Manchmal, wenn ich einen Jungen in meinem Alter sehe, dann kommt mein Hirn, und es sagt mir: ‹Schau Mamadou, du bist jetzt 30 Jahre alt, kaum älter als er, aber er hat sicher bereits ein Kind, eine Familie. Und du hast nichts.›» Wieder eine Pause. Wieder Stille. «Jeder hier hat Kinder. Meine Freunde fragen mich: ‹Mamadou, hast du eine Frau? Hast du Kinder? Wie geht es ihnen?› Ich sage dann einfach nichts. Sonst muss ich alles erklären.»
Ein paar Tage später stehen wir vor einem Friedhof in der Stadt und verabschieden uns. Wir wissen nicht, ob wir uns irgendwann wiedersehen werden. Ich fliege in die Schweiz. Und Mamadou bleibt zurück. Ich schreibe seine Geschichte auf, die ein paar Monate später in dieser Zeitung erscheint. Und Mamadou fängt eine neue Geschichte an.
Ich denke danach oft an den Moment im Gras zurück. Daran, wie Mamadou versuchte, unbeschwert zu klingen, aber wie sehr er Mühe hatte, diese Sätze über seinen Traum von einer Familie zu sagen, weil sie ihn schmerzten. Mamadou ist ein schlechter Schauspieler, denke ich dann. Ich sollte lernen, dass ich falsch lag.
Kapitel 1: Rückkehr
Nein, der ist es nicht. Der dort auch nicht. Der hier, der mit Helm angerast kommt? Nein. Auch nicht.
Bei jedem Motorrad, das sich nähert, springe ich auf, vom Betonsockel, auf dem einmal ein Laternenpfahl gestanden haben muss, gehe nach vorn an den Strassenrand, dann, nach einem Moment der Enttäuschung, setzte ich mich wieder hin. Vielleicht hat er mich übersehen und ist vorbeigefahren?
Kaum möglich, ich bin weiss, niemand hier sonst ist weiss.
Ich falle auf an diesem Tag im November 2020 an der Hauptstrasse in Monrovia, der Hauptstadt von Liberia. Ein Zappelphilipp am Strassenrand, die Frauen, die im Schatten einer Mauer hinter mir auf dem Boden sitzen, beobachten mich und tuscheln.
Ich hatte Mamadou vor etwa dreissig Minuten von genau diesem Ort aus angerufen. Ein seltsamer Moment, der sich falsch anfühlte. Man fliegt nicht einfach viertausend Kilometer, ohne sich anzumelden. Ich war für einen anderen Artikel nach Liberia gereist. Aber da Mamadou nun hier lebt, will ich ihn besuchen. Doch wie klug das ist, drei Jahre nach seiner Ausschaffung und meinem Abschied, weiss ich nicht.
Vielleicht hatte ich Mamadou nicht gesagt, dass ich kommen würde, weil ich fürchtete, was ich vorfinden könnte. Als ich mich vor drei Jahren verabschiedete, war Mamadou voller Pläne und Ziele gewesen. Und Energie. Und das, obwohl er alles riskiert hatte, in der Schweiz gescheitert und wieder in Afrika gelandet war, mit nichts mehr als einem kleinen Rucksack und knapp dreitausend Dollar. Aber wie viel von seiner Energie hatte überlebt? Das Leben in einer afrikanischen Grossstadt ist hart, Mamadous Mittel waren knapp. Sein Plan war weder besonders originell noch aussergewöhnlich ausgefeilt. Wen würde ich hier treffen: einen Mann, der es entgegen aller Wahrscheinlichkeiten geschafft hatte? Oder einen Gescheiterten?
Und so stehe ich im November 2020 unbestellt am Tubman Boulevard in Monrovia, einem den ganzen Tag und die ganze Nacht bis an beide Ränder mit Autos und Motorrädern gefüllten Asphaltband, und warte ungeduldig, nervös, weil ich weder weiss, wer Mamadou heute ist, noch wie er reagieren wird, wenn er mich sieht.
Plötzlich taucht zwischen zwei weissen Toyotas im Stau ein Motorrad auf, hält vor mir, und ein kleiner Mann mit Helm steigt ab. Er schaut mich lange an, ungläubig, greift mir an den Arm, als ob er eine Kuh auf dem Viehmarkt prüfen würde. Dann lächelt er sanft. «Michael, hey, du bist es wirklich.» Wir umarmen uns. Dann sagt Mamadou: «Steig auf, wir fahren. Zu mir. Ich muss dir etwas zeigen.»

Kapitel 2: Mamadous Plan
Wir fahren auf dem Motorrad durch Monrovia, eine junge Stadt, nur zweihundert Jahre alt, eine Million Menschen, von ehemaligen Sklaven gegründet, die aus den USA nach Afrika zurückgeschickt worden waren. Ein Sehnsuchtsort.
Monrovia – wenn Mamadou diesen Namen jeweils ausgesprochen hatte, klang er gross, hell. Wie wenn ich Rom sage. Oder Paris. Meine Sehnsuchtsorte. Mamadou sagte nie Paris. Er sagte Monrovia. Und dann nickte er und brummte zufrieden.
Mamadou stammt nicht aus Monrovia, aber sein Vater hatte sich nach dem Bürgerkrieg in Sierra Leone im Nachbarland Liberia niedergelassen und in dessen Hauptstadt versucht, ein neues Leben anzufangen. Mamadou hatte mir nie genau erklären können, wieso. «Mehr Möglichkeiten, es ist einfach besser», hatte sein Antwort gelautet.
Aber Monrovia ist eine kaputte Stadt. Zwei Bürgerkriege haben sie fast komplett zerstört. Zwar hat man die Häuser wieder aufgebaut, und doch wirkt es so, als ob man den Wiederaufbau gestoppt hätte, sobald die Gebäude wieder einigermassen bewohnbar waren. Man lebt hier im Unfertigen. Vielleicht ist es das, was Mamadou angezogen hat. Inmitten der Trümmer fühlt sich das eigene Scheitern weniger dramatisch an.

Mamadou hatte einen genauen Plan für das neue Leben nach der Ausschaffung. Er wollte in Monrovia einen Laden für Secondhand-Kleider eröffnen, Geld sparen, um dann eine Präzisionswaage zu kaufen und einen Kollegen zu einer Goldader zu schicken, damit er ins Goldgeschäft einsteigen kann. Schliesslich würde er in seinem Heimatdorf Sainya ein Haus bauen, Kühe kaufen und mit seinen Eltern ein Leben als Bauer führen. Es war ein Plan mit vielen Unwägbarkeiten. Secondhand-Kleiderläden gibt es in afrikanischen Städten fast so viele wie Menschen, der Goldhandel ist umkämpft, und wieso sollte Mamadou plötzlich ein geschickter Bauer sein? Vor allem: Würden seine Eltern überhaupt so lange leben?
Wir fahren vorbei am Uno-Hauptquartier, das sich hinter Absperrungen versteckt, vorbei an der Universität, die verloren in einem weiten, vertrockneten Feld liegt, vorbei am Temple of Justice, der golden glänzt und vor dem sich ein paar Tage später ein Lehrer bei einer Demonstration anzünden wird, um gegen die schlechten Löhne zu protestieren, vorbei auch am Präsidentenpalast, der in ein Gerüst aus Rohren gehüllt ist, weil er seit vielen Jahren renoviert wird.
Dann überqueren wir eine Brücke, und es wirkt, als wären wir plötzlich in einer ganz anderen Stadt. Monrovia sieht von oben aus wie zwei Siedlungswürste, die im rechten Winkel aufeinandertreffen. Und dort, am Spitz, hängt ein Klumpen im Meer, ein Fortsatz, ein Geschwür: das Slum West Point, 35 000 bis 75 000 Menschen, je nach Schätzung, auf nicht einmal einem Quadratkilometer. 13-mal mehr Menschen pro Quadratmeter als in Zürich.
Mamadou kann hier nicht mehr fahren. Er benutzt das Motorrad nun wie ein Laufrad, versucht sich mit den Füssen jeweils auf beiden Seiten abzustossen, quetscht sich so zwischen den Menschen hindurch. Ich bin längst abgestiegen und folge zu Fuss.
Vor einem kleinen Betonwürfel mit Wellblechdach hält Mamadou schliesslich an. «Mein Laden», sagt er.

Es ist ein kahler Raum, an die eine Wand hat Mamadou ein schmales Holzregal gezimmert. Auf der anderen Seite stapeln sich Zementsäcke; mitten im Raum trennt ein Gitter eine Art Kassenzone ab, davor ein kleiner, geflochtener Hocker, auf den sich Mamadou nun setzt.
Er sitzt da, irgendwie stolz, aber auch verloren – wie ein König mit Land aber ohne Volk. Aber König Mamadou lacht. Weil ich hier bin. Und das gerade im richtigen Moment: Mamadou hat den Laden erst vor einem Monat eröffnet. «Er ist neu, völlig frisch.»
Ich wusste, dass Mamadous ursprünglicher Plan nicht aufgegangen war. So viel hatte ich von Schweizer Freunden gehört, die regelmässig mit ihm telefoniert hatten. Irgendetwas war mit dem ersten Laden schiefgelaufen. Stattdessen hatte er ein Motorrad gekauft und sich als Taxifahrer durchgeschlagen. Ein Teil des Geldes hatten ihm die Schweizer Freunde geschickt. Aber den Traum vom Laden hatte er nie aufgegeben. Vor allem wollte er beweisen, dass es nicht an ihm gelegen hatte.
Also sparte er Geld, «heimlich», sagt er. «Alle hier wollen immer Geld von dir, wenn du Geld hast.» Aber viel konnte er nicht sparen. Es reichte gerade für die Jahresmiete, ein paar Wellbleche, mit denen er das lecke Dach abdichten konnte, und für etwas Weniges an Verkaufsgütern: ein Dutzend Säcke Zement, Glühbirnen und Steckdosen.
Eigentlich ist Mamadou noch nicht bereit, es sind zu wenige Produkte als dass er damit grosse Kundschaft anlocken könnte. Aber er wollte nicht mehr warten. «Wenn ich den ganzen Tag mit dem Motorrad als Taxifahrer unterwegs war, kam ich am Abend nach Hause, und ich war so müde, dass ich nicht einmal mehr fernsehen konnte. Fatoumata war wütend.» Fatoumata? «Nachher, nachher. Ah, ich muss dir so viel zeigen.»
Er springt wieder auf, will gleich weiter. «Du musst sehen, wo mein erster Laden war. Es war nicht meine Schuld. Wenn du den Laden siehst, wirst du das alles verstehen. Dann wirst du verstehen, wie das hier in Afrika läuft.» Wir steigen wieder aufs Motorrad und fahren zurück in die Innenstadt.

In einem weiten Hof ragen aus einem Sockel Säulen, die eine dicke Scheibe tragen, darunter Quader wie Altäre – alles aus Beton. Auf den Altären bieten Frauen Früchte oder Gemüse an. Eine Markthalle, aber sie ist umgeben von einer süsslich duftenden Wüste aus Müll, der sich wie Dünen auftürmt und den Markt zu verschlingen droht. Hunde staksen über die Müllhügel, sinken ein, als ob es tatsächlich Sand wäre. Eine postapokalyptische Welt wie aus einem Film. Wieso die Frauen hier noch ihr Gemüse präsentieren, wo es doch keine Kunden mehr hat? Vielleicht aus einer merkwürdigen Gewohnheit, einer Trägheit, einer Alternativlosigkeit?
Eine Ladenzeile begrenzt die Müllwüste. Mamadou läuft die leeren Geschäfte entlang, bis er vor einem grünen Metalltor steht, dessen Türgriffe mit einem Seil umwickelt sind. «Mohamed», wie sich Mamadou auf Arabisch nennt, steht mit Kreide auf die Tür geschrieben. Hier hätte er sein neues Leben als Händler anfangen wollen. Die Miete für das ganze Jahr hatte er bereits bezahlt. 1200 Dollar investiert. Dann seien plötzlich Mülllastwagen von der Stadtverwaltung in den Hof gefahren und hätten den Müll ausgekippt. Jeden Morgen. Wieso, weiss hier niemand. Ich frage später in der Stadt herum. Alle kennen die Geschichte, erklären kann sie sich keiner.
Die 1200 Dollar, der ganze Plan – vernichtet. Mamadou starrt die Tür mit seinem Namen an. Dann fragt er mich: «Verstehst du jetzt? Verstehst du, wie schwierig das Leben hier ist?»
Kapitel 3: Die Liebe und das Geld
Am nächsten Tag holt mich Mamadou erneut an der Hauptstrasse ab und fährt mich ins Slum. Wie schon vor drei Jahren haben wir eine Art Ritual erschaffen. Ich tauche in seine Welt ein, begleite ihn den ganzen Tag, vielleicht auch am Abend, dann verlasse ich ihn wieder, um am Rand des Zentrums in einem Hotel zu übernachten. Am nächsten Tag fängt alles wieder von vorn an.
Wir halten vor dem Laden, aber Mamadou führt mich um die Mauer herum zu einem angebauten Raum, dem ersten von vielen Räumen, die zusammen eine Art Haus bilden, aber eigentlich eher so wirken, als ob sich vor langer Zeit ein einziger Raum wie eine Zelle immer weiter geteilt hätte und so zu einem Superraum gewachsen ist.
Ein Plastikvorhang hängt still im Türrahmen. West Point, das Slum, liegt zwar direkt am Meer, ja, es versinkt gar jedes Jahr ein bisschen darin, aber die Meeresbrise bleibt im Gassengewirr kleben, zwischen den Häusern steht die Luft still, unter dem Wellblech heizen sich die Betonräume auf, und weil Strom teuer ist, fächert man sich mit Kartonscheiben die feuchte Luft zu.
Das Zimmer ist klein, ein Bett füllt es fast komplett aus, wo noch etwas Platz verbleibt, stapeln sich Taschen und Koffer und eine Art Spielzeugburg. Durch zerfetzte Stofflappen dringt Lichtnebel. Auf dem Bett schläft jemand. Youssouf, Mamadous Sohn.
Mamadou nimmt ihn hoch, reicht ihn mir, und Youssouf schläft einfach weiter. Er ist sich andere Störungen gewohnt: Generatoren, Motorräder, Lastwagen und Lautsprecherdurchsagen – es gibt keine Ruhe in einem Slum.
Mamadou schaut stolz auf Youssouf. Ich habe ihn nie so glücklich gesehen wie in diesem Moment. Ich denke an das Gespräch vor drei Jahren im Feld vor Sainya zurück. Vom Traum, den er hatte: ein Zuhause, eine Familie. «I am very happy, yes.» Er wiederholt diesen Satz immer wieder, sagt ihn mehr zu sich selber als zu mir, während wir den schlafenden Jungen anschauen.
Durch den Plastikvorhang tritt plötzlich eine Frau und lacht schüchtern. Ich habe sie einmal auf einem Foto gesehen, das Mamadou mir geschickt hat. «Eine Kollegin», schrieb er damals. Jetzt sagt er: «Fatoumata, meine Frau.»
«Wo haben wir die Fotos?», fragt Mamadou Fatoumata. Sie sagt kaum je etwas, wenn ich sie sehe, aber sie lacht immer. Unter dem Bett zieht sie ein Schulheft hervor. Es dient als ihr Familienalbum. Die Fotos sind nicht eingeklebt, nur zwischen die dünnen Seiten gelegt, und Mamadou schüttelt das Heft wild, so dass die Fotos auf den Boden fallen.

Auf den Bildern trägt Mamadou ein weisses Hemd und ein Gilet, Fatoumata ein weisses Kleid mit einem wulstigen rosa Kopftuch. Aber das ist nicht das Foto, das Mamadou sucht. «Schau, hier.» Nochmals Fatoumata, nun in gelb-weissem Kleid, und Mamadou in einem traditionellen Gewand. Sie halten sich nicht zärtlich wie auf dem ersten Foto, sondern sitzen auf Plastikstühlen mit etwas Distanz nebeneinander. Er sieht viel jünger aus und ernster. Mamadous zweite Hochzeit, die traditionelle Hochzeit. Mamadou schüttelt nur den Kopf. «Es war teuer. Zweimal heiraten. Sehr teuer.»
Ich gratuliere ihm zu seiner Familie und versuche gleichzeitig, in meinem Kopf etwas zu ordnen. Wenn Youssouf tatsächlich so alt ist, wie Mamadou behauptet, zwei Jahre nämlich, dann muss er Fatoumata wohl bereits vor meiner Abreise vor drei Jahren gekannt haben. Auch als wir zusammen im Feld vor Sainya sassen und er so traurig wirkte, muss er sie schon gekannt haben.

Ich frage ihn: «Mamadou, weisst du noch, damals im Gras?»
«Ja, klar.»
«Hast du damals Fatoumata bereits gekannt?»
Er grinst. «Ja, ich kannte sie schon. Aber ich wusste noch nicht, ob das klappt mit uns. Erinnerst du dich an die Frau, die mich direkt vom Flughafen zu sich nach Hause mitgenommen hat, weil ich nicht wusste, wohin ich gehen sollte nach der Ausschaffung? Das war Fatoumata.»
«Ich erinnere mich. Aber das war ja tatsächlich die allererste Frau, die du nach der Rückkehr in Afrika kennengelernt hast.»
«Ja, sie fiel mir schon im Flugzeug auf. Und dann verbrachte ich fünf Tage bei ihrer Familie. Und am letzten Tag schwor ich mir: Ich werde zurückkommen für diese Frau.»
«Und dann hast du sie einfach wieder besucht?»
«Ja, klar. Sobald du weg warst.»
«Einfach so? Und dann?»
«Sie war auch etwas überrascht.»
«Habt ihr euch denn geschrieben in der Zwischenzeit?»
«Nein, eigentlich nicht. Aber ich sagte ihr einfach: Ich möchte dich heiraten. Sie sagte, sie brauche Zeit. Aber sie würde mir bei meinem nächsten Besuch eine Antwort geben. Ich reiste damals ja immer von Guinea, wo sie in der Hauptstadt Conakry lebte, nach Freetown in Sierra Leone und wieder zurück.»
«Du hast dich sehr schnell verliebt», sage ich. Es klingt skeptischer, als ich es gemeint hatte.
«Weil ich gesehen habe, wie sie sich zu Hause verhielt. Sie ist die älteste Tochter. Die Mutter ist nicht da. Und sie hat sich um ihre Geschwister gekümmert, dafür gesorgt, dass sie alle in die Schule gingen, immer zu Essen hatten. Ich dachte: Diese Frau ist zuverlässig. Sie ist eine gute Person. Mit ihr kann ich etwas aufbauen.»
Die Liebesgeschichte mag unromantisch klingen. Aber sie hat überlebt. Auf den Hochzeitsfotos sehen Mamadou und Fatoumata glücklich aus. Und auch jetzt, wenn sie auf Youssouf blicken, lachen sie beide zufrieden. Wenn alles schwierig ist, wird dafür die Liebe vielleicht ganz einfach.
Aber für die Liebe bleibt keine Zeit, nicht jetzt, an einem gewöhnlichen Tag. Youssouf unter den Arm geklemmt, zurück in den Laden. Noch kennt man Mamadous Shop nicht. Wie man das ändert? Präsenz markieren, auf Kunden warten. Sollte sich jemand für einen Zementsack interessieren, muss ein Verkäufer bereitstehen. Also sitzt Mamadou im Laden, jeden Tag. Und wartet.
Es ist ein dröger Job. Aber Mamadou kann nicht viel mehr tun. Er hat zwar viele Ideen: eine Ladestation für Handys anbieten. Schrauben und andere Baumaterialien in sein Sortiment aufnehmen. Bohrmaschinen kaufen und sie vermieten. Aber für all das braucht man Kapital. Und wäre Geld vorhanden, müsste Mamadou zuerst Güter für den Laden kaufen. Der Raum sieht so aus, als ob ihn gerade jemand ausgeräumt hätte und gleich mit einem Pick-up zurückkehren würde, um die zurückgelassenen Zementsäcke auch noch einzupacken.
Irgendwann schaut ein Mann herein, er zeigt auf die Säcke und fragt: «Wie teuer?» – «8 Dollar 25», sagt Mamadou. «Okay, ich komme wieder.» Mamadou seufzt. Er hat heute noch nichts verkauft.
Die Ökonomie von Mamadou ist undurchsichtig. Zeit für ein paar Zahlen, etwas Ordnung im scheinbaren Chaos der afrikanischen Slumökonomie.
Der Laden kostet 1200 Dollar Miete pro Jahr. Die Jahresmiete für das Zimmer, in dem Mamadou und Fatoumata leben, beträgt 240 Dollar. Dazu kommt Strom. 60 Dollar im Jahr. Das sind die dringendsten Fixkosten. Essen fällt kaum ins Gewicht, aber dann sind da die Ausgaben für Spitalbesuche. Einst für den Vater, jetzt für die Mutter. Jedes Mal ungefähr 100 Dollar. Mamadou zahlte bis vor ein paar Monaten die Schulgebühren für seinen jüngeren Bruder. Der ist zweimal durch die Prüfungen gefallen. Jetzt sitzt er im Laden herum und weiss nichts mit sich anzufangen.
Man könnte das noch viel genauer aufdröseln, aber um zu erahnen, welche Herausforderung Mamadou vor sich hat, reichen zwei Beträge. Die 8 Dollar 25, die Mamadou erhält, wenn er einen Sack Zement verkauft. Und die 8 Dollar, die Mamadou bezahlt, wenn er vom Zwischenhändler einen Sack einkauft.
Nach einer Stunde kommt der Mann, der sich nach dem Preis erkundigt hatte, zurück. «Ich möchte einen Sack.» Mamadou hilft ihm, den Sack auf eine Schubkarre zu hieven. Dann verschwindet der Mann. Er wird an diesem Tag der einzige Kunde bleiben. Ausgaben heute: etwa 4 Dollar. Gewinn aus dem Laden: 25 Cent.

Deswegen fährt Mamadou am Abend immer noch mit seinem Motorradtaxi in der Stadt herum. Bis um zehn Uhr; etwa 8 Dollar verdient er so maximal pro Tag. Davon bezahlt er dann Benzin und Motorrad-Reparaturen: Gerade ist das Licht kaputt. Er hat es noch nicht flicken lassen. Kostet auch wieder 15 Dollar, sagt er.
Es sind Zahlen, vor denen man flüchten möchte. Aber noch einmal die gefährliche Reise nach Europa? Niemals, sagt Mamadou. «Ich werde hier immer wieder auf diese Reise angesprochen. Jugendliche fragen mich: ‹Wie komme ich nach Europa?› Ich sage ihnen: ‹Lasst es bleiben.› Es lohnt sich nicht. Sie müssten es hier schaffen. Ich will es hier schaffen. Ich muss für meine Familie hier sein. Irgendwann klappt das mit dem Laden. Es muss.»
Kapitel 4: Die Wende
Es ist ein Dienstagabend, und wir fahren mit dem Motorrad durch die Stadt, die auch zwanzig Jahre nach den zwei Bürgerkriegen immer noch so wirkt, als ob sie nicht wirklich vorwärtsblicken würde. Auch nicht zurück. Sie ist einfach im Jetzt stecken geblieben. So wie die Autos auf dem Tubman Boulevard jeden Tag feststecken. Das ganze Land ist auf diese eine Stadt ausgerichtet. Aber sie ist nicht das Kraftwerk, das Liberia antreibt, sie strahlt nichts aus und gibt nichts zurück. Monrovia ist wie ein schwarzes Loch, das die Menschen anzieht und ihnen dann die Energie aussaugt, bis sie träge in der Feuchtigkeit darauf warten, dass irgendetwas besser wird.
Ich frage Mamadou, ob wir irgendwo Champions League schauen wollen. In der Schweiz hatte er jede Fussballliga Europas verfolgt. Irgendeinmal in den vergangenen Tagen hatte er sich beklagt: «Das Internet hier ist zu teuer. Ich muss sparen. Ich weiss nicht einmal mehr, was die Young Boys gespielt haben.»
In einem Plastikzelt setzen wir uns an einen runden Tisch, bestellen zwei Bier. Ein Ventilator wälzt die feuchte Luft, und aus Lautsprechern schiesst quietschige Musik mit zu wenig Bass. Auf zwei Fernsehern läuft ein Spiel, aber Mamadou ist angespannt. Das Motorrad hat er so vor der Bar abgestellt, dass er es von seinem Stuhl aus beobachten kann. Er hat eine dicke Kette um die Räder gewickelt. Aber er traut ihr nicht.
Er kommt sonst nie hierher. Das Bier kostet 2 Dollar. Zu teuer. Und Fatoumata mag es nicht, wenn er trinkt. Dabei trinke er kaum. Sehr selten. Höchstens ab und zu ein Bier. Aber er wolle ganz aufhören, sagt er. Auch nicht mehr rauchen. «Ich weiss, dass es mir nicht guttut. Ich schmecke das Essen kaum, wenn ich geraucht habe. Aber es entspannt mich einfach.»
Ich bin heute allein in Monrovia unterwegs gewesen und habe Mamadou bis zum Abend nicht gesehen. Ich merke, dass mit ihm irgendetwas los ist. Vielleicht liegt es daran, dass ich bald abreise, denke ich.

«Wie lief es heute im Laden?», frage ich ihn.
«Nicht gut. Aber es kommt schon.»
«Hast du etwas verkauft?»
«Nein, heute nicht.»
Dann schweigt er eine Weile und starrt auf den Tisch.
«Bitte, Michael, kannst du mir nicht helfen, in die Schweiz zu kommen? Irgendwie. Legal. Ich muss weg von hier.»
Ich bin überrascht. Er hatte die ganze Zeit hoffnungsvoll gewirkt, noch gestern gesagt, dass er nicht mehr von hier wegwill. Natürlich fand ich seine Situation ausweglos. Aber ich hatte mir nichts anmerken lassen.
«Und deine Familie hier? Was ist dann mit Youssouf?»
«Ich wäre nützlicher für sie, wenn ich weg wäre, in der Schweiz arbeiten könnte.»
«Aber es gibt keinen legalen Weg in die Schweiz, Mamadou.»
«Ich weiss, ich weiss. Aber ich komme hier nie weiter. Es wird nicht funktionieren. Wie soll ich jemals aus West Point wegkommen? Mein Vater schaffte es ja auch nie.»
In diesem Moment bricht etwas zusammen. Mamadou redet ohne eine Pause, er erzählt, dass seine Mutter sich wünsche, dass er ein Haus in Sainya, ihrem Heimatdorf, baue, damit sie von Monrovia wegkäme. Sie halte es hier nicht mehr aus, seit der Vater gestorben sei. Er habe das abgeklärt, es brauche 3500 Backsteine, die würden sie in Sainya brennen lassen, das koste 400 Dollar, dann brauche es Wellblech fürs Dach, nochmals 400 Dollar, ein Onkel würde das Haus dann bauen, gratis, sagt Mamadou. Dabei weiss er, dass hier nie etwas gratis ist. Natürlich habe er jetzt das Geld nicht. Natürlich brauche er das Geld eigentlich für den Laden, für mehr Güter, für das Motorrad, für die Abendschule, die er besuchen wolle. Aber sie sei seine Mutter, man müsse doch füreinander da sein.
Ich sitze da und höre zu. Ich weiss nicht, was ich in derselben Situation machen würde. Mamadou erhält immer noch Geld von Freunden in der Schweiz. Es ist seine zuverlässigste Einnahmequelle. Aber er kann das Geld nicht sparen. Es verschwindet einfach so. Wenn er nicht helfen würde, wenn Verwandte fragten, würden sie misstrauisch, sagt er. Schliesslich war er ja in Europa. Er muss Zugang zu Geld haben. Also gibt er und gibt er und gibt er. Aber wo bleibt Mamadou in dem Ganzen?
Zweimal am Tag flüchtet Mamadou, und am letzten Tag meines Besuchs flüchte ich mit ihm: in die kleine Bar, die eigentlich nur eine Art Holzgestell ist, gleich neben dem Taxifahrerstand. Mamadou sitzt hier jeweils an die Theke und bestellt einen Kaffee. Jeden Tag zwei Mal. Die Bar sieht verfallen aus, aber es herrscht hier eine genaue Ordnung. An einem langen, an einen Pfosten genagelten Gummiband ist ein Feuerzeug befestigt, nach dem Mamadou greift und sich eine Zigarette anzündet.
Mamadou kommt hierher, weil er dann Ruhe hat. Er redet kaum mit jemandem, grüsst die anderen Motorradfahrer nur knapp. Auf dem kleinen Fernseher an der Wand schaut er die Nachrichten. Er will informiert bleiben, so gut es eben geht. Seinen Zusammenbruch vom Abend zuvor erwähnt er nicht mehr. Er hat sich wieder unter Kontrolle. Und er will mir etwas erzählen.
«Fatoumata ist wieder schwanger.»
«Glückwunsch, gratuliere.» Ich warte etwas. Dann frage ich: «Aber ist das eine gute Idee jetzt? Wo das mit dem Geld nicht so gut läuft?»
«Ja, das geht irgendwie schon. Nachher machen wir eine Pause. Aber hier braucht man Kinder. Fürs Alter.»
«Ist Fatoumata eigentlich gerne hier in Monrovia, im Slum, Mamadou?»
«Mmh, nein. Sie will zurück nach Guinea. Aber was soll ich dort?»
Dann zeigt er auf dem Handy ein Foto, auf dem er mit Fatoumata zu sehen ist. Im Hintergrund sieht man Wasser, es ist grün und schön. «Das ist ihr Lieblingsort, der einzige Ort in Monrovia, den sie mag. Es ist eine Insel hier in der Nähe.» Fatoumata und Mamadou tragen auf dem Foto Kleider aus afrikanischem Stoff. Sonntagskleider, bunt, gemustert. Im selben Stoff.
«Partnerlook», sage ich.
«Yes, Partnerlook», sagt er und lacht.