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Es gibt eine Frage, uns Autorinnen und Autoren vor allem dann gestellt wird, wenn wir gescheitert sind:

Wieso ist dieser Text so lang?

Was ich auch dann gefragt werde, wenn ich nicht gescheitert bin: Weisst du jeweils, wenn du zu recherchieren anfängst, ob das eine grosse Geschichte wird?

Eine meiner längsten Geschichten ist vor ein paar Monaten erschienen. Sie handelte von einer Schweizer Nonne, die in Tansania vor mehreren Jahrzehnten eine Schule aufgebaut und in diesen Jahrzehnten die Leben Tausender Menschen geprägt hat. Ja, vielleicht in ganz Tansania, einem riesigen Land, die Bildungslandschaft stärker verändert hat als irgendjemand sonst. Eine beeindruckende Frau also, die aber auch durchaus zwiespältige Seiten hat. Wieso genau, darf man gerne nachlesen.

Die Geschichte war lang. 50’000 Zeichen. Für die Nichtjournalisten: Das ist kein Buch, aber auch eigentlich keine Zeitungslänge. Die NZZ hat, meines Wissens, nie über eine einzelne Person solch ein langes Porträt gedruckt (ausser über einen Jungen, der an Krebs starb, das war noch länger, und das geht auch auf meine Kappe).

Manchmal fragen mich Kollegen, woher ich weiss, wie viele Zeichen eine Geschichte brauchen wird, bevor ich sie geschrieben habe. Ob ich das überhaupt weiss.

Ja, weiss ich. Kann ich erklären, wieso ich es weiss? Ich versuche es.

Es wird nun etwas esoterisch. Das Ganze ist eine Art Work in Progress Erzähltheorie, die ich hier aufspanne, ungeordnet, vielleicht chaotisch, sicherlich immer wieder mal widersprüchlich, aber, wie ich hoffe, zumindest unterhaltsam.

Zuerst ein Umweg. Vor der Nonne war eine andere Nonne. Es gibt ja immer ein Davor.

Kurz nachdem die Reportage über Sister Denise erschienen ist, schrieb mir eine Frau. Sie habe die Geschichte gelesen, mit besonderem Interesse. Denn ihre Tante sei Sister Denises Vorgängerin gewesen. Schwester Salvina Kaufmann. Die Schwester vor der Schwester.

Sister Denise hatte mir nie viel von Salvina erzählt. Nur, dass es sie gab. Dass sie bereits da gewesen sei, 1981, als Denise zum ersten Mal in Dar es Salaam tansanischen Boden betrat. Und dass sie es war, die in Tansania den ersten Montessori-Kindergarten gestartet hatte und Denise bat, ihn weiterzuführen. Was Denise zuerst völlig widersinnig fand.

Mehr wusste ich nicht über Salvina. Nicht weil mich ihre Geschichte nicht interessiert hätte. Es gab schlicht zu viele Nebengeschichten bei Sister Denise. Und noch weitere Vorgeschichten. Und diese alle erschienen mir erzählenswert und recherchierenswert.

Ich wusste aber auch: Niemals konnte ich diese alle recherchieren. Das war auch nicht meine Aufgabe. Ich schrieb ja keine Biografie, sondern ein Porträt mit einer These – und das ist was ganz anderes.

Was das Wissen um diese Nebengeschichten und Vorgeschichten aber bei mir auslöste, war eine Art Grundgefühl um die Vernetzung, die Verästelung dieses Lebens. Wie weit es in der Zeit zurückreichte, wie weit es auch in die Breite reichte, mit wie vielen anderen Leben und Themen es verknüpft war. Und dadurch auch: Wie dicht das Leben von Sister Denise war.
Manchmal spürt man das gleich zu Beginn, wenn man jemanden trifft.

Jede Geschichte, die wir als Journalisten aufschreiben, jede Reportage hat, idealerweise, mehrere Schichten. (Schade eigentlich, dass im Englischen Layer nicht im Wort Story enthalten ist).

Zunächst ist da die ganz banale Geschichte. Nicht einfach oder bedeutungslos, aber die Grundgeschichte. Sie liefert der Reportage die Grundzutaten, wie Mehl und Wasser.

Die Lebensgeschichte einer Protagonistin. Ihre Widersprüche, ihre Eigenschaften. Manchmal geht es ja auch um ein Bett oder um ein Schiff.

Niemand würde eine Reportage nur wegen dieser banalen Kerngeschichte lesen. (Oder nur wenige.) Was interessiert mich schon das Leben irgendeiner Nonne oder irgendeines Mannes, der um sein Erbe betrogen wurde in Grindelwald? Solche Lebensgeschichten gibt es schliesslich zu Dutzenden.

Eine gute Reportage hat eine zweite Schicht. Oder besser, ich wechsle nun hier die Metapher, einen Stamm, um den sich dieses erzählte Leben wickeln lässt. Wie der Moosstab, den eine Monstera benötigt, um in die Höhe zu klettern. (Einer Monstera fehlt ja eigentlich ein Stamm…)

Dieser Stamm ist oft eine Frage, eine These, die etwas Universelles beinhaltet, idealerweise auf eine überraschende Art etwas ganz Grundsätzliches in Frage stellt. Bei Sister Denises Reportage war mir das lange nicht klar. Jetzt, wo man die Geschichte liest, scheint die Sache eindeutig.

Mein Stamm war eine Frage: Was für eine Art Mensch muss man sein, um etwas Grosses im Leben zu erschaffen?
Natürlich hätte ich die Geschichte auch anders erzählen können. Jede Geschichte lässt sich anders erzählen, nicht immer um einen gleich dicken Stamm. Aber statt der, wie ich finde, universellen Frage nachzugehen, die ich ausgewählt habe, hätte ich Sister auch nutzen können, um die Frage zu verhandeln, was es braucht, damit ein Projekt nach dem Rücktritt des Gründers überlebt – oder was nachhaltige Hilfe in Afrika eigentlich bedeutet.

Diese Fragen schweben jetzt im Text mit, sie ranken sich wie Seitentriebe der Pflanze mit um den Stamm. Das macht die Geschichte dichter, den Stamm härter, oder die Monstera, um beim Bild zu bleiben, voller.

Je härter der Stamm, je grösser die Frage, die sich um ihn wickeln lässt, desto mehr Platz darf man einer Geschichte einräumen. Grosse Fragen lassen sich entweder in drei Worten oder in seriösen 30’000 bis 50’000 Zeichen beantworten. (Oder in einem Buch).

Und dann ist da, neben der banalen Lebensgeschichte und dem Stamm noch etwas Drittes, Esoterisches. (Ich habe dich gewarnt, wir backen hier schliesslich und ziehen Pflanzen.)

Ich bin überzeugt, dass eine gute Reportage so etwas wie eine Seele besitzt.

Die Geschichte hat ein Grundgefühl, das sie dem Leser mitgeben kann. Das Gefühl kommt vom Autor oder der Autorin. Die Autorin gibt es der Geschichte mit, wenn sie es schafft, dass sie ehrlich ist. Wenn es ihr gelingt, das, was sie bei der Recherche erlebt, gedacht, gefühlt hat, in der Geschichte nicht nur mitklingen zu lassen, sondern schonungslos zu reflektieren.
Dafür braucht es nicht unbedingt eine Ich-Erzählperspektive. Es muss auch nicht ausformuliert im Text stehen, was der oder die Autorin dachte. Aber als Leser werde ich fühlen, wie die Autorin dem Erlebten gegenüberstand, wenn die Geschichte ehrlich erzählt ist.

Sisters Leben war weit und komplex. Die Fragen, die ihr Leben aufwarf, bildeten einen dicken Stamm. Und dann war, wenn ich mit mir ehrlich war, Sisters Geschichte auch meine Geschichte. Aber nicht, weil ich relevant gewesen wäre als Michael. Sondern weil ich stellvertretend zu stehen glaubte, für viele, die als Junge naiv nach Afrika, Südamerika oder wohin auch immer reisen, helfen wollen, an ähnliche Situationen herantreten, und dann mit ihren eigenen Vorurteilen konfrontiert werden. Die dann schnell verurteilen, weil eine ältere Person anders handelt, als sie es ideal fänden. Und was dann? Wie geht man dann damit um? Wenn man später erkennt, dass man vielleicht doch nicht so weise war?

Ein weites Leben, viele Fragen, meine eigene Haltung dieser Lebensgeschichte gegenüber – ich wusste, dass die Geschichte von Sister Denise lang werden würde.

Schwester Salvina, so schrieb mir ihre Nichte, war bereits in den 20er-Jahren nach Tansania gekommen. Sie hatte dort 1939 das Amt einer Schulleiterin bekleidet. War bis 1981 geblieben. 60 Jahre in Afrika zu jener Zeit. Was für ein Leben.

Dann kam Denise, nun schon über 40 Jahre in Tansania. Nach ihr wird niemand mehr kommen. Es gibt keine Nonnen mehr, die aus der Schweiz nach Tansania gehen. Ist das schade? Was geht da verloren? Wäre auch eine Geschichte, eigentlich.

Aber man muss auch viele Geschichten weglassen, damit man eine erzählen kann.

Es ist nie einfach, etwas Neues zu starten. Weil man selten als Könner startet. Und wer möchte schon dabei beobachtet werden, wie er übt, scheitert, wieder übt, wieder scheitert. Und dabei vielleicht nur unmerklich besser wird.

(Es muss auch für die Beobachter unangenehm sein. Ich fand es jedenfalls immer körperlich schmerzhaft, Tennis auf Amateurlevel zu schauen.)

Kinder lernen so. Aber auch nicht alle Kinder. Ich war nie so ein Kind. 

Ich schaute zu. Ich beobachtete, wie die anderen Kinder etwas taten. Studierte sie lange und genau. Im Kopf wiederholte ich die Bewegungen und dann, wenn ich das Gefühl hatte, ich hätte sie nun verinnerlicht, versuchte ich mich. Heimlich. Manche Dinge lernt man so nie. Geräteturnen zum Beispiel. Oder eben, Tennis.

Bei anderen Dingen erschien es mir dann auch später, als ich kein Kind mehr war, unwahrscheinlich, dass ich jemals gut darin werden würde. Wie viele Stunden musste man wohl gesurft haben (10’000 wie das manche Forscher behaupten?), bis es sich nicht mehr peinlich anfühlen würde? Ja, bis es richtig Spass machte? So gelegentlich etwas zu surfen, eine Woche pro Jahr – das brachte doch nichts; da hätte man vermutlich schon als 15-Jähriger zu lernen anfangen sollen.

Doch dann wurde ich 33 und wagte mich auf ein Surfboard. Und etwas ganz Merkwürdiges geschah: Ich war vom ersten Moment an glücklich. 

Dabei konnte ich es nicht. Ich konnte es auch nach einer Woche nicht. Und ich erkannte schnell, dass ich es nie wirklich können würde. Dafür müsste ich ans Meer ziehen oder ein Wellen-Sabbatical nehmen. Doch gerade diese Erkenntnis befreite mich. Ausgerechnet das Wissen um die Aussichtslosigkeit, in diesem Leben jemals noch ein guter Surfer zu werden, ermöglichte mir, mich immer wieder glücklich in die Wellen zu stürzen. Vielleicht ist das eine Sache des Alters: Irgendwann wird man alt genug, um Dinge anzufangen, von denen man von Anfang an weiss, dass man nie besonders gut darin wird.

Ich dachte damals nicht viel darüber nach, sondern genoss es einfach, unfähig und frei, in eine Art trotteligen Flowzustand zu paddeln.

Natürlich würde ich besser werden, wenn ich öfters surfe. Und ich fände das auch befriedigend. Aber das hier ist keines dieser unzähligen Plädoyers fürs Scheitern und Wiederaufstehen. Im Gegenteil.

Vor ein paar Monaten begann ich zu zeichnen. Es gibt kaum eine Tätigkeit, der ich weniger Chancen zugestand, mich glücklich zu machen. Auch weil es kaum etwas gibt, das ich schlechter kann. Ich weiss nicht, wie ich eine Linie so aufs Papier bringe, dass die Perspektive auch nur einigermassen stimmt; wie erzeugt man Volumen, Schatten, Tiefe? Wieso ist die Linie dort schräg, obwohl ich sie doch gerade ziehen wollte?

Vor einer Reise kaufte ich Kohlenstifte, dicke Bleistifte, nahm sogar Neocolor in die Hand. Und dann malte ich an einem Strand in Portugal Sandhügel und Wellen. Das Papier war voller schwarzer Flecken und Schattierungen, die niemand ausser mir als Sand erkennen würde. Aber ich war auf eine ganz merkwürdige Art und Weise glücklich.

Währenddem Zeichnen hatte ich hingeschaut, ganz genau, ganz exakt versucht, die Linien der Hügel aufs Papier zu bringen. Nichts davon gelang, aber während ich mich konzentrierte, vergass ich alles um mich herum. Ich verschwand in einer anderen Welt, in der es gar keine Rolle spielte, ob ich gut oder schlecht war, bei dem, was ich gerade tat.

Seither bin ich auch nicht besser geworden. In Athen habe ich kürzlich ein Auto gezeichnet, meine Freundin hatte einen Lachanfall, als sie die Zeichnung sah. Trotzdem zeichnete ich weiter. Etwas Neues, ein paar Bären, die ebenfalls lächerlich aussahen, aber wiederum mich zum Lachen brachten. 

Manchmal wenn ich nun am Abend nach der Arbeit am See in Zürich sitze, wünsche ich mir, dass ich die Zeichenstifte mitgenommen hätte. Ich sehne mich nach diesem Verschwinden im Jetzt, das ich am Strand und in Athen erreichte. Einem Flowzustand, der in einem Punkt aber anders ist, als er in der Forschung beschrieben wird.

Flow, so heisst es immer, entstehe, wenn Anforderung und Können sich ungefähr entsprechen – wenn man eine Tätigkeit so sicher beherrscht, dass man aufhört, sich bei ihr selbst zu beobachten. Im Umkehrschluss: Wer ganz neu anfängt, womöglich sogar unbegabt ist, sollte eigentlich keinen Flow erreichen.

Aber das Surfen, das Zeichnen, sie haben mir gezeigt, dass es auch anders geht. Vielleicht, dass es für mich vor allem anders geht. Indem ich von Anfang an ablehne, dass ich die Tätigkeit können muss, sie vielleicht gar nicht wirklich können will, bringe ich mich selbst zum Verschwinden. Ich beobachte mich nicht mehr und kann so in der Unfähigkeit glücklich werden.

Vielleicht soll man nicht in allem besser werden. Sondern den Mut haben, schlecht zu bleiben, das Nichtbeherrschen zu akzeptieren, das Niegutwerden zu pflegen.

Das klingt jetzt esoterischer, als ich es mir vorgenommen hatte.

Aber so fängt dieser Blog nun an. Nichtperfekt, aber irgendwann muss man loslegen.

Ein paar Dinge, die mir das Gefühl gaben, die Welt nicht perfekt verstanden zu haben, aber deren Konsum mir trotzdem Spass bereitete: 

  • What if it all came out? –  Die Frage ist nicht neu, sondern so alt wie das Internet. Aber was, wenn jemand plötzlich alle Konversationen auf allen Apps, die du jemals geführt hast, veröffentlichen würde? Was würden deine Arbeitskollegen denken, deine Freunde, deine Familie? Davon handelt die Reportage im New York Magazine. Passiert ist das nicht irgendjemandem, sondern einem IT-Profi, der eigentlich all die Sicherheitsregeln, die es halt so für das Verhalten am Computer heute gibt, befolgt hat. Zur Reportage (Paywall)
  • Fela Kuti: Fear no Man – Für viele Musiker ist Fela Kuti bis heute einer der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Und einer der schillerndsten. Um sein Leben ranken sich tausend Legenden. Die nun in diesem mehrteiligen Podcast zusammengeführt werden. Geniale Idee, denn so viele von Felas Zeitzeugen leben ja noch. Zum Podcast
  • Has AI already killed How-to-Non-Fiction? – Wie lernt ihr neue Dinge? In Ratgeberbüchern oder sogenannten How-to-Büchern? Diese Flughafenbestseller? Tim Ferris argumentiert: Das Genre liegt auf dem Totenbett. Und schreibt eine Art How-to-deal-with-this-development-as-an-author-of how-to-non-fiction-blogpost. Zum Blog
  • Patrick Pouyannés Deadly Gamble – Im Norden Mosambiks, eigentlich ein Kriegsgebiet, fördert der Konzern TotalEnergie Gas. Oder er versucht das. Dafür heuerte das Unternehmen Sicherheitskräfte an. Diese folterten Zivilisten, verübten unglaubliche Massaker. Alex Perry hat die Geschichte mehrere Jahre lang recherchiert und sie in mehreren absolut haarsträubenden Reportagen nacherzählt: Zur Reportage 
  • The Great Downzoning – Wie es kam, dass fast zeitgleich die grossen europäischen Städte Verdichtung erschwerten. Vom tollen Magazin Works in Progress. Zur Geschichte

Iran as I remember it

So many people I know still have no idea of what Iran is like. Sadly, I assume, it will stay like that for quite a while. I went through an old hard disk and the pictures that I took in 2012 when I visited Iran with my then girlfriend.

It was a time of heightened tension between Iran and Israel which made me write down a sentence or two in my notebook that read quite weird now. About the strait of hormuz being closed maybe soon, what it might mean if missiles were fired from Iran – but also at this place which we just discovered and whose beauty we struggled to comprehend.

This is a random selection of some photos. I will add some in later posts and maybe some thoughts when I find time.

Yazd
Yazd
The Basar of Kashan
Naqsch-e Rostam
Tehran
Isfahan
Tehran
Masulé
Tehran
Kashan