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Das rätselhafte Elend Marokkos

Marokko boomt. Aber Anwar will weg. Und Karim will weg. Und Oumaima will weg. Alle wollen weg. Was ist da los?

1 Karim: Die Idee im Norden

Es ist jetzt vier Jahre her, dass Karim in den Ferien in den Norden von Marokko fuhr und dort ein Gespräch führte, das sein Leben verändern sollte. Karim war 19 und unzufrieden. Er war in Casablanca aufgewachsen, hatte dort gerade das Gymnasium beendet und nun zu studieren begonnen. Jura. Aber wieso er das getan hatte und warum ausgerechnet dieses Fach, wusste er selbst nicht so genau. Sowieso gefiel ihm das Studentenleben nicht. Viele Mitstudenten rauchten, und die Tage an der Universität fühlten sich frei, ja unstrukturiert an. Karim mochte Struktur.

Als das Semester endete, beschloss er, einen Roadtrip zu machen, und fuhr übers Land, bis hoch ans Mittelmeer, an die Strände von al-Hoceima und Nador. Dort traf er einen Freund und erzählte ihm von seiner Unlust und davon, dass er nicht gewusst habe, was er mit seinem Leben habe anfangen sollen. Der Freund wusste Rat.

«Lerne Deutsch», sagte er zu Karim. «Ich mache das auch. Danach bewerbe ich mich für ein Studium in Deutschland.»

Karim fand die Idee nicht besonders realistisch. Er dachte an jenem Tag nicht weiter darüber nach, sondern fuhr zurück in den Süden nach Casablanca zu seinem Sommerjob in einem Fast-Food-Restaurant.

«Ich war sehr gelangweilt», sagt Karim, ein inzwischen 24-jähriger Mann mit einem sehr langen, sehr aufrechten Körper. In einem Café in Casablanca erzählt er, der in Wirklichkeit anders heisst, seine Geschichte so knapp und präzise wie jemand, der zwar über Gefühle spricht, diese aber nicht spüren will.

«Irgendwann sagte ich mir: Du musst etwas tun, du musst jetzt einfach irgendetwas tun.» Karim erinnerte sich an das Gespräch im Norden und begann zu recherchieren: Wo gibt es Deutschschulen, wie kommt man überhaupt legal nach Deutschland? Er entschied: «Ich gehe auch nach Deutschland, irgendwann.»

Wir denken nicht an Menschen wie Karim, wenn in Europa von Migration die Rede ist. Sondern an überfüllte und kenternde Gummiboote. Und seit fünf Wochen an die Bilder von Menschenmassen, die ins Meer steigen und in Ceuta die Grenze umschwimmen, weil es auf Social Media hiess, Europa lasse sie herein. Wissen wir überhaupt, wer da alles kommt – und warum?

Die einfachste Erklärung geht so: Im Norden liegt das Land der Träume, im Süden das Elend. Nur: Marokko ist kein Elendsland. Es ist stabil, die Lebenserwartung liegt bei 75 Jahren, extreme Armut betrifft weniger als ein Prozent der Bevölkerung. Und vor allem: Marokko boomt.

Das BIP hat sich in 25 Jahren vervierfacht, immer noch wächst es jedes Jahr um 3 bis 5 Prozent. Und Marokko hat sich verwandelt und modernisiert. Die Regierung hat Autobahnen gebaut, Hochgeschwindigkeitszüge, riesige Häfen und ganze Stadtviertel neu errichtet.

Trotzdem sagen – je nach Umfrage – 40 bis 70 Prozent aller marokkanischen Jugendlichen: Wir wollen weg. Auswandern. Nach Europa, in die USA. Einfach weg von Marokko. Sogar Menschen wie Karim, die kein elendes Leben führten. Wie kann das sein?

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