← Reporter NZZ · Reportage

«Putin ist viel draufgängerischer als Stalin»

Der Historiker Sergey Radchenko hat in sowjetischen Archiven die Gedankenwelt von Stalin, Chruschtschow und Breschnew rekonstruiert. Was er fand, erklärt Putins Krieg – und warum der russische Präsident gefährlicher ist als seine Vorgänger.

Als Sergey Radchenko 2015 begann, den Kalten Krieg noch einmal zu erforschen, wirkte sein Projekt aus der Zeit gefallen. Wer wollte schon die Gedankenwelt von längst toten Sowjetführern rekonstruieren? «Aber ich hatte Glück», sagt Radchenko heute. «Leider.»

Radchenko hatte eine kurze Phase der Öffnung genutzt. Um 2013 gaben Archive in Russland (des Aussenministeriums sowie das Archiv der früheren Kommunistischen Partei) zuvor geheime Zeugnisse des Kalten Krieges frei. Radchenko stiess auf unglaubliches Material: Briefe, Tagebücher und Verhandlungspapiere der Sowjetführer Josef Stalin, Nikita Chruschtschow, Leonid Breschnew, Michail Gorbatschow. Was er darin las, erklärt Wladimir Putins Krieg gegen die Ukraine besser als viele geopolitische Thesen.

Radchenko wurde 1980 in einem Dorf an der Grenze des Sowjetimperiums zu China geboren, so isoliert, dass man manchmal japanisches Radio empfangen konnte, mehr nicht. Mit 15 ging er in die USA und studierte in Texas. Lange behielt er seinen russischen Pass. Dieses Jahr gab er ihn zurück.

Radchenko, Professor an der Johns Hopkins School of Advanced International Studies in Washington, hat mit «To Run the World» eine Art Psychohistorie des Kalten Krieges geschrieben. Sie zeigt: Hinter dem kalten Machtstreben der Sowjetführer standen verletzte Gefühle, die Putin nun nutzt – wie Radchenko sagt: skrupelloser, als es die Sowjets getan hätten.

Herr Radchenko, Wladimir Putin sagte einmal in einer Rede: «Vor einigen Jahren erlagen wir der Illusion, dass wir keine Feinde haben. Dafür haben wir teuer bezahlt.» Wissen Sie, wann das war?

Vielleicht 2007? Oder 2010? Seit damals spricht er so.

Es war tatsächlich im Jahr 2000, kurz bevor er zum ersten Mal gewählt wurde.

Ich bin überrascht. Seine frühen Ansichten waren eigentlich weniger drastisch.

Viele hofften damals, dass Russland ein normales Mitglied der Staatengemeinschaft werden könnte, welches das imperiale Denken hinter sich lassen würde. Was haben wir übersehen, wenn Putin damals schon so redete?

Wir unterschätzten die Tiefe der Verbitterung der Russen. Sie betrifft die grundsätzliche Vorstellung vom Platz Russlands in der Welt. Putin ist nicht die Quelle dieser Verbitterung, sie reicht tiefer. Putin bringt sie nur an die Oberfläche.

Sie sind für Ihr Buch in russische und sowjetische Archive gestiegen und haben die Erinnerungen, Protokolle, Memos der sowjetischen Führung gelesen. Was dabei auffällt: wie sehr sich die Sowjets missverstanden fühlten.

Sergey Radchenko, Historiker.
Sergey Radchenko, Historiker

Das Ende des Kalten Krieges ist eigentlich das letzte grosse Missverständnis. Im Westen glaubte man, auf den Trümmern des Sowjetimperiums entstünden demokratische Staaten, die ihren zugewiesenen Platz in der amerikanisch geführten internationalen Ordnung akzeptieren würden. Aber die Wahrnehmung auf der anderen Seite war völlig anders.

Die Amerikaner sahen sich als die Sieger des Kalten Krieges . . .

Weiterlesen auf nzz.ch