Manchmal, wenn Lahdan Al Mohannadi unglücklich ist, setzt er sich abends in sein Auto und fährt allein in den Süden. Von der Meerespromenade aus sieht er auf der anderen Seite die blinkenden Türme Dohas. Dann biegt er auf eine vierspurige Strasse, die in einem Bogen am Nationalmuseum vorbeiführt, fährt vorbei an Hotelkästen und kahlen Wohnblöcken, bis Katars Hauptstadt ohne Vorwarnung endet und auf geröllige Erde trifft. Es hat nun kaum mehr Verkehr, nur Lastwagen auf dem Weg zu den Ölraffinerien. Nach einer halben Stunde erreicht Al Mohannadi eine Kleinstadt und hält vor einem Haus, das verloren an der Hauptstrasse steht.
Die Fassade ist blau beleuchtet. Time Rako steht darauf, in Englisch und in Arabisch, der Name des Hotels, seines Hotels. Al Mohannadi geht dann in sein Büro, setzt sich an seinen Schreibtisch und betrachtet die Urkunden der Behörden an der Wand. Manchmal macht er einen kurzen Rundgang, schaut im Büro seines General-Managers vorbei. Aber eigentlich genügt es Al Mohannadi, einfach dazusitzen. In diesem Moment weiss er: Er hat es geschafft.
Lahdan Al Mohannadi, 52 Jahre alt, fläzt sich in einem Sessel in einer Art Wintergarten des Hotels im eiskalten Luftstrom der Klimaanlage. Draussen ist es noch heiss und schon dunkel, eine Juninacht, am Horizont glimmt es, als ob die Sonne einen Streifen Licht über dem Persischen Golf vergessen hätte.
Lahdan Al Mohannadi trägt einen Thawb, ein weisses, traditionelles Gewand, und ein Kopftuch. Der Stoff umrahmt einen dicken Schnurrbart, eine knubbelige Nase und neugierige Augen. Al Mohannadi diskutiert gerne, über die Welt und über Katar, das sich, seit es 2010 als Austragungsort der Fussballweltmeisterschaft 2022 auserkoren wurde, dafür rechtfertigen muss, wer es ist.
Al Mohannadi wuchs im Dorf Al Dhakira im Norden Katars auf. «Ein einfacher Ort», sagt er. Es gab kein fliessendes Wasser in den Häusern. 600 Einwohner teilten sich drei Kühlschränke. «Einen davon hatten wir, also lagerten alle ihre Hühner bei uns und holten sich jeden Tag irgendwelche Stücke.» Die Schule? Eine bessere Koranschule. Der Lehrer? Ein Religiöser ohne Ausbildung.
Es war Anfang der 1970er Jahre, und im Norden von Katar gab es nichts. Eine Halbinsel aus Sand, viermal so klein wie die Schweiz, die hohen Dünen gingen direkt ins Meer über.
Den Kühlschrank besass Al Mohannadis Familie, weil der Vater einer von bloss fünf Männern im Dorf war, die Auto fahren konnten. Das brachte Geld. Er fuhr die Dorfbewohner nach Doha ins Spital und transportierte für sie Güter. Er konnte das Dorf verlassen, wurde Bauarbeiter, Rohrleger, Vorarbeiter.
Irgendwann gründete der Vater ein Bauunternehmen, profitierte vom Bauboom Katars, wurde reich, starb jung, und Lahdan übernahm das Geschäft. Er war damals erst 30 Jahre alt. Heute ist Lahdan Al Mohannadi ein wohlhabender Mann. Er besitzt ein Haus in England, eine Büffelfarm in der Wüste, Araberpferde. Er ist stolz darauf. «Ich habe den besten Hotelkoch von ganz Doha – oder den zweitbesten.» Al Mohannadi lacht. Bescheiden sind Katarer nicht.
Er schüttelt den Kopf, wenn er daran denkt, woher er gekommen ist. «Wenn jemand in unserem Dorf in die Stadt wollte, hängte er seinen Schleier, den Bisht, an einem Stock an die Strasse vor seinem Haus, und man wusste, dass man anhalten und ihn einladen sollte.»
Al Mohannadi lebt ein anderes Leben in einer anderen Welt als der seines Grossvaters, der noch nach Perlen tauchte, und der seines Vaters. Nichts von ihrer Welt hat überlebt.