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Der Rächer, der aus den Bergen kam

Bauskandale erschüttern seit fünfzehn Jahren das Berner Oberland. Dahinter steckt immer derselbe Mann: Peter Roth. Sein Kampf hat ihn Heimat, Geld und Familie gekostet. Er tut das Richtige - aber aus den falschen Gründen.

Der Viehhändler

«Ich habe nie etwas geerbt. Es ist ja überall dasselbe. Dann erst lernst du die Leute wirklich kennen. Das minderschte (niedrigste) Lebewesen ist der Mensch.»

Eine Stimme wie aus einer anderen Zeit. Sie gehört einem Viehhändler, lange schon pensioniert. Aber ist man überhaupt je im Ruhestand, wenn man in einem Bergtal über Jahrzehnte mit allen gehandelt hat? Qua seines Berufes alle kennt, weiss, wer wie viel hat, wer wie viel gibt, von wie viel träumt?

«Ich habe ihn nicht verstossen. Sogar als es sehr viel Kritik gab, sagte ich: Das ist gut, so Lüüt wie er.»

Rächer Roth

An einem Tag im Frühsommer 2022 sitzt Peter Roth, 56 Jahre alt, beinahe unsichtbare Haare, stechender Blick, im «Hirschen» in Matten. Matten ist ein Vorort von Interlaken. Hier wohnt Roth im Exil, seit er aus seiner Heimat Grindelwald «vertrieben worden ist».

Das Dasein als Exilant hat er nicht gewählt. Es wurde ihm aufgezwungen, weil das sein Kampf erforderte. So sieht das Peter Roth.

Roth hat viel Papier dabei. Ein gefülltes Plastikmäppchen legt er als Erstes auf den Tisch, «die private Seite, alles hier drin, e truurigi Familiegschicht», aber darüber mag er nicht reden. Er ist hier, weil er in den Medien die nächste Bombe platzieren will.

Seit fünfzehn Jahren berichten nationale Medien über Bauskandale in Grindelwald. 2007 titelte die «NZZ am Sonntag»: «Ein Bergdorf im Baustreit» und «Unzulässige Bauten in Schutzzone», die «Sonntags-Zeitung» prangerte «systematische Verstösse» an, um kurz darauf nachzulegen: «Chalet-Skandal weitet sich aus». Der «Beobachter» widmete Grindelwald eine Reportage unter dem Titel «Ein Dorf verkauft sich». Hinter all diesen Enthüllungen steckte immer ein und dieselbe Quelle: Peter Roth.

Jeder im Berner Oberland kennt Peter Roth: Einige finden ihn eine amüsante Kuriosität, vielen ist er ein Ärgernis.

Für die Restschweiz ist Peter Roth eine Art Winkelried, der das Berner Oberland vor seiner Selbstverschandelung bewahren will. Sein Engagement als ehrenamtlicher Landschaftsschützer hat ihm eine Nomination für den Prix Courage eingebracht. Darauf ist er stolz. «Peter Roth, Bausündenjäger», so stellt er sich jeweils vor.

Vor wenigen Wochen sorgte Roth wieder einmal für Aufruhr. Er empfing Reporter des «Blicks» und führte sie durch Grindelwald zu den jüngsten Bausünden. Peter Roth versteht darunter nicht unästhetische, sondern illegale Bauten. Und so zeigte er den Journalisten Chalets, die es eigentlich nicht geben dürfte, weil sie einst Ställe waren und ohne Baubewilligung in Luxusferienwohnungen verwandelt wurden. Und das ausserhalb der Bauzone.

Der «Blick» hat das dankbar aufgeschrieben und auf die Frontseite gedruckt: «Luxus-Hütten als Scheunen gemeldet!»

Es war der zweite Besuch des «Blicks» in dieser Sache. Ein Jahr zuvor hatte die reichweitenstärkste Abonnentenzeitung des Landes eine Artikelserie zum sogenannten Alphüttliskandal lanciert. Quelle für die «Blick»-Serie: Peter Roth.

Auch das Schweizer Fernsehen hat er vor kurzem durch das Dorf gelotst. Entstanden ist ein knackiges «Rundschau»-Stück, das den Eindruck erweckt, als ob in Grindelwald jeder bauen könne, was er bauen wolle, ohne sich um Vorschriften zu kümmern.

An diesem Morgen im «Hirschen» in Matten bei Interlaken ist Peter Roth aufgeregt. Ein Zwischenbericht zum Alphüttliskandal 1 des Regierungsstatthalters hat ihn verärgert. 30 Alphütten hätten, so Roths Recherchen, auf ihre Rechtmässigkeit hin abgeklärt werden müssen. Nur bei wenigen ist das geschehen, obwohl bereits ein Jahr ins Land gegangen ist.

Peter Roth kann das nicht glauben. Er rattert Gesetzesartikel und Bundesgerichtsurteile herunter wie jemand, der sein ganzes Leben lang nur das Raumplanungsrecht der Schweiz studiert hat.

Peter Roths Kampf hat spätestens seit der Annahme der Zweitwohnungsinitiative quasi den Segen des Schweizervolks. Schweizerinnen und Schweizer wollen ihre Landschaft bewahren, sie ist der vielleicht einzig wertvolle Rohstoff des Landes. Zudem: Die Bevölkerung wächst, das Land nicht. Doch wer bestimmt, was mit welchem Land gemacht werden darf? Wie sehr darf sich der Städter ärgern, wenn der Bergbewohner sein Land überbaut und als Ferienwohnung verkauft? Womöglich gar an jemanden, der im Unterland wohnt?

In der Schweiz hat Land auf dem Papier zwar einen eindeutigen Besitzer. Aber Anspruch darauf erhebt irgendwie jeder. Die Landschaft ist ein nationales Gut, das allen gehört.

Peter Roth sagt denn auch, er tue das alles für die Umwelt und die Landschaft. «Mich hat es schon lange gestört, dass mer die Landschaft tuet derewäg verschandle. Gerade in Grindelwald, da haben wir das Land 600 Jahre lang bewahrt. Und jetzt hat man das innert 30 Jahren zerstört.»

Roth erzählt von Drohungen, die er wegen seiner Arbeit erhalten habe. «Am Telefon: ‹Jetzt bringeni di om.› Nie gseid, wer s isch. Aber d Stimm verstellt.» Einmal hätten sie ihm die Reifen aufgeschlitzt, alle vier. Ein anderes Mal Baumstrünke unter den Wagen gelegt, damit er aufbocke, wenn er losfahren werde.

Peter Roth rührt jetzt mit seinem Löffel wild in seinem Kaffee. «Wenn ich Grindelwald beschreiben würde: zu primitiv zum Leben. Mein Bruder sagte einmal: ein gottverdammter Ort auf Erden, den niemand im Himmel preist.»

Er lacht immer wieder beim Erzählen. Es ist ein heiseres Lachen ohne Freude. Es gebe auch solche, die ihm Briefe schrieben: Schau dir dieses Chalet einmal an oder jenes. «Alle anonym, haben alle Schiss.» Aber natürlich gehe er den Hinweisen nach.

Aber wieso bloss nimmt Peter Roth all die soziale Ächtung, das Exil, die Schikanen und vieles mehr auf sich? Alles nur aus Prinzip?

Peter Roth sagt: «Ich mache das alles auch aus einem persönlichen Grund.» Er sagt dann zuerst, dass er das nicht Rache nennen möchte, doch er möchte Gerechtigkeit, um wenige Sekunden später zu ergänzen: «Ich kann schon sagen: Da kommen Rachegefühle auf. Es ist eine Rache. Aber nicht mit Gewalt, mit dem Gesetz!»

Das verfluchte Land

Die Halme stehen wadenhoch, die Sommersonne quetscht grelles Grün aus dieser Wiese, nur wenige Blumen ragen aus den Büscheln. Peter Roth stapft durch das Gras, die Schritte sind klein, so wie man sie in den Bergen lernt, wo kurze Spannbreite guten Schwerpunkt bedeutet. Er geht nach vorn, bis ans Ende, wo das Land steil abfällt. Vor Tausenden Jahren war es ein Gletscher, dann eine Moräne, gutes Land, fruchtbares Land. Aber dieser Flecken, 18 500 Quadratmeter, ist verflucht, Anlass für jahrzehntelanges Leid, weit über hundert Medienberichte, Gerichtsverfahren, psychiatrische Gutachten.

Peter Roth schaut auf die überbaute Fläche, den Parkplatz, die Bahnstation, die das Tal füllt, bevor der Boden sich nach wenigen hundert Metern biegt, in die Höhe schiesst, Weide zu Wald, Wald zu Fels wird und Roths Blick am Eiger abprallt, der diesem Grundstück und wenig später dem ganzen Dorf Grindelwald, das oberhalb klebt, die Sonne nehmen wird.

Er dreht sich um, stampft ein paar Schritte zurück und bleibt vor einem Bauernhaus stehen. Ein schönes Haus, zweihundert Jahre alt. Das Haus seiner Grosseltern.

«Sött mer abriisse. Alles verwurmet, ab de Muurschwelle, e Schand.» Dann schaut er die Apfelbäume mit kümmerlichen Blütenblättern an. «Hätte man schon lange umtun sollen. Zu raues Klima. Apfelbäume hier oben.» Er schüttelt den Kopf. «Haben sie nie kapiert. Schade. Eifach alles vergiiget.»

Roth will nicht lange verweilen. Es ist ihm unangenehm. Und trotzdem muss er es zeigen, das Haus, das Land, geteilt durch eine Strasse, da oben die Chalets des Immobilienmoguls Friedli, sie waren die ersten, die man im Dorf gebaut hat, da drüben hinter einer Ecke das Freibad, wo er als Jugendlicher Mitte der siebziger Jahre seine Zeit verbracht hat, aber immer wieder dieses Land, er kann nicht aufhören, davon zu reden.

«Dort hätten meine Eltern ihr Einfamilienhaus hinstellen wollen. Ein einfaches Haus. Hätten nur einen Viertel der Parzelle gebraucht. Nur einen Viertel! Wenn nur der Dissens nicht gewesen wäre, zwischen meinen Eltern und den Geschwistern meines Vaters, den bösen Tanten und dem faulen Onkel. Wir hätten auch das Bauernhaus umgebaut, Landwirtschaft mit Vieh, dann ein Hotel, der Bruder hätte Bergführer gemacht und Skilehrer. Ich einfach Skilehrer, wie man das so macht hier.»

Er schweigt wieder.

Daraus ist nichts geworden. Keine Landwirtschaft, kein Vieh, kein Hotel. Der Bruder trotz doppeltem Studium arbeitslos, Peter Roth Sozialhilfebezüger, beide hoch verschuldet. Pläne für dieses Stück Land «Im Grund» hat er immer noch. Einen Campingplatz würde er errichten wollen. Vor allem aber: selber bauen. Ein Mehrfamilienhaus, «ein Mehrgenerationenhaus!».

Das Land ist weg. «Vergiiget.»

Doch Peter Roth gibt nicht auf.

Mit ganz tiefer Stimme sagt er: «Inere dunkle, fiestere Nacht, ich sage das jetzt bewusst etwas böse, habe ich mir geschworen: Die, wo mi plaget hei, chöme no all dra! Aber sauber! Ich räume auf, was ich kann! Aber denen zeige ich es. Legal!»

Der Viehhändler

«Der Peter Roth, er hat sowieso recht in solcherlei Sachen. Aber wie willst du die jetzt korrigieren? Dass aus diesen Bärgpuureli Millionäre gemacht wurden, das ist das Problem gewesen!»

Die Stimme gehört Fritz Kaufmann, geboren am 30. 12. 1940 auf der Flur, einem Hoger am Taleingang zu Grindelwald, wo der Eiger sich auf über 4000 Meter streckt. Peter Roth hat Kaufmann empfohlen. Niemand wisse mehr über Grindelwald und die Grindelwalder.

Kaufmann war nicht nur Viehhändler, sondern auch Skilehrer. Im einstigen Fünfsternehotel Regina hat er seine Privatschüler abgeholt. «De Scheich vo Oman oder vo Südarabien ond anderi Prominänti.» 1969 fuhr er den ganzen Winter am Schilthorn mit vierzehn anderen Skilehrern hinter George Lazenby her. Als Stuntfahrer spielte er einen der Verfolger im Bond-Film «Im Geheimdienst Ihrer Majestät».

Fritz Kaufmann lebte zwar zwischen Eiger und Schwarzhorn, aber nicht fern von der Welt, sie kam ja zu ihm, und er lernte von ihr. «Als ich den Film ein halbes Jahr später im Kino sah, bin ich mit den Kollegen usegloffe ond ha gseid: Öpis Dömmers hani no nie gseh i mim Läbe. Wir wären doch nie über d Müreflueh gfahre, wie mer das im Film gsehd. Very unreal. Aber so ist es im Film.»

Nicht nur im Film.

«Bschisse isch immer öberall worde. Und das wird weiterhin so sein. Sobald das dann das Geld gibt, gsieht man das wahre Gesicht der Leute.»

Traum oder Fluch?

Von dem verfluchten Stück Land im Talboden fährt Peter Roth an diesem Sommertag weiter ins Dorf, zum Restaurant Post, hier war er schon lange nicht mehr, er setzt sich an den Tisch gleich an der Strasse, schaut sich immer wieder nervös um. Fährt ein Auto vorbei, versucht er den Fahrer zu identifizieren. «Unterstützer», oder: «Ou, de hasst mi!»

An den Nebentisch setzt sich ein Mann. «De nätt Herr Giger*», haucht Peter Roth. «Eine falsche Ratte. Vornedurch sagt er: ‹Mir tüend Üch hälfe.› Hintenrum sagt er: ‹Helft dem Roth ja nicht, sonst kommt er zu gut raus.›»

Die Welt des Peter Roth ist schwarz oder weiss. Meistens ist sie schwarz.

Eigentlich hätte Peter Roth alle Voraussetzungen für ein gutes Leben gehabt. Roth erzählt das so. Da war eine Familie mit gutem Namen im Dorf, viel Land im Grund, eine reiche Grossmutter, die Peter Ausbildungen ermöglichte. Sprachaufenthalte in England und Frankreich zum Beispiel, was Peter wiederum, sowieso schon sprachbegabt, zu einem besonders beliebten Skilehrer machte. Daneben Ausbildung zum Fahrlehrer, später ein Darlehen für die Lehre als Holzbauingenieur.

Natürlich lag da immer auch ein Schatten, im Rückblick hätte man vieles, was folgte, erahnen können. Das Unheil begann mit des Vaters Frauenwahl. Peters Mutter befand der Grossvater als zu unwürdig für die Familie Roth. Doch eine Abtreibung hätte noch mehr Schande über die Familie gebracht; Peter kam als Geächteter zur Welt.

«Ich räume auf, was ich kann! Aber denen zeige ich es. Legal!» – Peter Roth will Rache für erlittenes Unrecht.
«Ich räume auf, was ich kann! Aber denen zeige ich es. Legal!» – Peter Roth will Rache für erlittenes Unrecht.
Peter Roths Bruder (rechts) und Peter Roth, damals Mitte 20, in ihren einzigen Ferien auf Kreta.
Peter Roths Bruder (rechts) und Peter Roth, damals Mitte 20, in ihren einzigen Ferien auf Kreta.

Fortan lebten Peter, seine Eltern und sein Bruder als interne Vertriebene im Dorf, sie zogen von Mietwohnung zu Mietwohnung, obwohl da doch viel Land im Familienbesitz gewesen wäre und die Eltern nur zu gerne ein Zuhause gebaut hätten. Auf dem elterlichen Hof half der Bruder des Vaters mit, Peters Familie war unerwünscht. Als Peter elf Jahre alt war, nahm sich der Vater aus Verzweiflung das Leben. Nun waren Peter und sein Bruder dem Zorn des Onkels und der Tanten ausgesetzt, die in ihnen nicht Familie, sondern Konkurrenz ums spätere Erbe sahen.

Das gelobte Bauland im Grund erschien Peter und seinem Bruder immer als Rettung. 20 Millionen wäre es wert gewesen, 5 Millionen hätten den Gebrüdern zugestanden. Ach wie schön hätte das Leben damit werden können. Aber Sehnsüchte, die den Kopf ausfüllen, sind keine Träume, sondern Flüche.

Als die Grossmutter 1991 starb, kam es zum Erbstreit. Zuerst machten die Gebrüder Roth Teilungsvorschläge, die ihren Anteil am Grundstück im Wert von 5 Millionen aus der Erbmasse gelöst hätten. Irgendwann sahen sich die zwei Tanten, der Onkel und die Gebrüder Roth nur noch vor Gericht. Ein einziges Mal verkaufte die Erbengemeinschaft ein Stück des Landes an die Jungfraubahnen. 225 000 erhielt jeder der Brüder. Dann schlug der Staat zu.

1996 wurde Grindelwald vom Kanton Bern gezwungen, Land auszuzonen. Die Baulandreserven waren zu gross. Man befürchtete, dass die letzten freien Flecken in den Bergtälern mit Ferienwohnungen zugebaut würden, deren Rollläden fast das ganze Jahr über geschlossen blieben. Ausgerechnet vom Land der Familie Roth, zwar an den Dorfkern grenzend, wurde der grösste Teil ausgeschieden. Statt auf wertvollem Bauland sassen die Roths nun auf nahezu wertlosem Kulturland.

Es liesse sich einwenden, dass es ein Verlust auf dem Papier war. Ein nie eingelöster Gutschein, der nun verfiel. Schliesslich war das Land erst 1979 dank dem Raumplanungsgesetz überhaupt so wertvoll geworden. Das Gesetz hatte damals die Schweiz unterteilt: in Land, das man überbauen durfte, und solches, das frei zu bleiben hatte. Nun verfiel dieses Recht. Der Staat gibt, der Staat nimmt.

Aber Peter Roth war nicht wütend auf den Staat. Noch nicht.

Hinter der Auszonung vermutete er die Tanten. Diese, «manipulativ, böswillig und verlogen», «Putin-Syndrom», hätten sich dafür eingesetzt, dass möglichst viel ihres Landes ausgeschieden würde. Vordergründig, weil sie der Landwirtschaft zugetan waren und das Dorfbild erhalten wollten. Tatsächlich hätten sie einfach den verhassten Gebrüdern jeden Rappen missgönnt.

Dass die Erklärung, die Tanten hätten sich selbst geschadet, um ihm und seinem Bruder «eins auszuwischen», abenteuerlich klingt, kann Roth erklären: Die Tanten hatten reich geheiratet, hatten das Geld, das ein Landverkauf dereinst bringen würde, nicht mehr nötig. «De Föhn und de Fuetterniid sind di schlimmste Oberländer», sagt Peter Roth.

Auf die Auszonung folgte ein Rechtsstreit. Am Ende waren Peter Roth und sein Bruder raus aus der Erbengemeinschaft. Sie hatten verloren, die reichen Erbtanten gewonnen. Was genau passiert ist, wird Peter Roth erst viel später erzählen. «Sie hatten den Richter bezirzt, ein Wolf im Schafspelz die eine, de chli Tüüfel die andere.»

Roth redet sich in Rage, als er diese Geschichte erzählt. Sie steht am Ursprung seiner ganzen Leidenschaft als Bausündenjäger. Es ist nicht nur seine Liebe zur Natur, zu unbebauten Hängen und lieblichen Dorfbildern, es ist auch sein Versuch, zurückzuerlangen, was ihm unrechtmässig genommen wurde.

Die Bauskandale, die Peter Roth aufdeckt, sollen die Gemeinde so sehr beschämen, dass sie das ihm widerfahrene Unrecht korrigiert. Roth hofft auf etwas, das nie eintreten wird, weil es nicht eintreten kann: dass die Gemeinde Grindelwald ihm Land gibt, «zurückgibt», wie er das formuliert. Dafür müsste sie das Land jemandem wegnehmen. Und Unrecht mit Unrecht korrigieren.

Peter Roth hat noch eine zweite Hoffnung: «Ich glaube, dass man, kurz bevor alles zu Ende geht im Leben, doch reinen Tisch machen will. Dass man nicht so von der Erde gehen will. Die letzte Tante ist alt, kurz vor dem Ende, sie weiss, was sie uns angetan hat. Sie muss das wissen, irgendwie.»

Peter Roths erster Sieg

Einmal hat Peter Roth die Gemeinde Grindelwald bereits besiegt. Vor Bundesgericht, Urteil 2P.135/2004. Es ging damals weder um Bauskandale noch um Geld, sondern um etwas viel Grösseres: ums Prinzip.

Bis 1921 erledigten die Grindelwalder und Grindelwaldnerinnen kleinere Arbeiten, die im Dorfgebiet anfielen, in einer Art Fronarbeitsregelung: Bauern ebneten Karrenwege, stellten Zäune wieder her, entfernten Steine, die zu Tal gerollt waren; die Frauen putzten Mehrzweckhäuser.

Um die Jahrtausendwende wollte die Gemeinde dieses sogenannte Gemeindewerk reaktivieren. Weil immer mehr Ferienwohnungsbesitzer die Infrastruktur benutzten – und weil die Gemeindekassen leer waren.

Das neue Gemeindewerkreglement enthielt eine Besonderheit, die vor allem Feriengäste störte: Jeder, der in Grindelwald irgendeine Steuer bezahlte, sollte zur Fronarbeit verpflichtet werden – oder sich freikaufen können. 200 Franken pro Jahr hätte das kosten sollen, pro Person, unabhängig davon, wie viele Immobilien jemand besass.

Der bekannte Basler Rechtsprofessor Christian Brückner sah darin eine Verletzung der Bundesverfassung. Brückner war in einer Erbengemeinschaft einer von neun, die dieselbe Ferienliegenschaft benutzten. Nun hätten diese neun Erben je einmal den Gemeindewerkbeitrag zahlen müssen. Ein Immobilienbesitzer, der zwanzig Immobilien im Dorf besass, hingegen nur einmal. Professor Brückner fand: Das widerspricht dem Gebot der Gleichbehandlung.

In einem Leserbrief in der Lokalzeitung suchte Brückner Mitstreiter, die Bürger Grindelwalds waren, um gegen die Gemeinde klagen zu können. Peter Roth und sein Bruder meldeten sich sofort. Brückner war erstaunt: «Wisse Se, z Grindelwald lauft allewyyl alls hindenumme, und es hilft niemer.» Die Roths waren vom Gemeindewerk zwar nicht stärker betroffen als andere Grindelwalder, aber Prinzipien verteidigt man nicht aus persönlicher Betroffenheit.

Professor Brückner erzählt die Geschichte etwas anders. Er will eigentlich nichts mehr mit Peter Roth und seinem Bruder zu tun haben. Zwar besiegte er, im Namen der Gebrüder Roth, die Gemeinde Grindelwald vor Bundesgericht. Aber der Sieg schmeckte bitter. Brückner und die Roths zerstritten sich wegen ein paar tausend Franken. Brückner wollte sie als Entschädigung für seine gratis gelieferte juristische Leistung, die Gebrüder Roth beanspruchten sie, weil das Geld im Urteil explizit an sie gesprochen worden war.

Peter Roth hatte gelernt: Auch ein kleiner Störenfried hat Macht. Er kann gegen Grössere gewinnen. Wenn er das Recht kennt. Wenn er das Recht auf seiner Seite hat. Und wenn er bereit ist, sein Vermögen für den Kampf zu riskieren.

Der Viehhändler

«Ich habe oft gesagt: Wenn es Hilfsschüler gewesen wären, die in Grindelwald das Land eingezont hätten, hätte man womöglich eine bessere Sache gehabt. Aber es ist doch klar, dass damals en huufe Lüüt versucht haben, aus Eigennutz Land einzuzonen. Der Fritz Roth senior, Peter Roths Grossvater, der hätte doch niemals geglaubt, dass er Millionär wäre. Der war es hundsgwöhnlichs Puuremannli, e ganz e flotte Männel isch das gsi, und auf einmal Millionär, der dann abnormal Steuern zahlen musste.

Der Peter Roth hat viele Sachen angesprochen im Dorf, die absolut die Wahrheit gewesen sind. Aber ich weiss schon viele Jahre, dass es die Wahrheit im Grundsatz gar nicht gibt! Das isch doch öberall s Gliiche.»

Roths Gegenspieler

Wenige Morgen sind Peter Roth so genau in Erinnerung geblieben wie jener Ende Mai 2008, als er von seiner Routine abwich und ihn die Kioskfrau am Bahnhof Grindelwald verdutzt fragte: «Wieso liest du jetzt plötzlich die ‹Sonntags-Zeitung› und die ‹NZZ am Sonntag›?»

Weil Peter Roth wusste, was er darin finden würde: Artikel, die die Gemeinde Grindelwald erschüttern würden.

Eigentlich war Grindelwald seiner Zeit voraus gewesen. Ende der neunziger Jahre stimmten die Dorfbewohner für den sogenannten Ewap (Erstwohungsanteilsplan), eine Abkürzung, die das Dorf jahrzehntelang beschäftigen sollte. Die Sache wäre simpel gewesen: Bei jedem neu gebauten Haus mit mehreren Wohnungen musste mindestens ein Drittel als Erstwohnung genutzt werden. Die betreffende Wohnung hätte im Grundbuch einen sogenannten Erstwohnungsanteilsvermerk erhalten sollen. So wollten die Grindelwalder verhindern, dass ihre gesamten Baulandreserven mit Ferienwohnungen zugebaut würden.

Nur weil die Grindelwalder den Ewap selbst beschlossen hatten, hiess das jedoch nicht, dass sie ihn auch respektierten. Schliesslich produzierte er Verlierer: Wer gehofft hatte, mit seinem Bauland maximalen Profit zu erzielen, musste nun Abstriche machen – oder hätte Abstriche machen müssen. Denn es wurde munter weitergebaut und verkauft. Schon Anfang der nuller Jahre beklagten sich einheimische Ferienwohnungsbesitzer, dass der Ewap ignoriert werde. Dann an jenem Maisonntag 2008 titelte die «Sonntags-Zeitung»: «Systematische Verstösse», «Chalet-Skandal weitet sich aus», und die «NZZ am Sonntag» berichtete gross: «Ein Bergdorf im Baustreit».

Peter Roth hatte Monate zuvor zu recherchieren begonnen, welche Wohnungen keinen Ewap aufwiesen. Er hatte Wohnungslisten, die auf der Gemeindewebsite einsehbar waren, mit dem Grundbuch abgeglichen und das Material einer Lokalzeitung zugestellt.

Die Lokalzeitung habe nicht über den Skandal berichten wollen, sagt Roth heute. «Feigi Sieche, also habe ich mich an die Grossen gewendet. Aber ich habe den Journalisten nicht gesagt, dass ich die Unterlagen beiden Sonntagszeitungen gesteckt habe.» Er lacht, wenn er an den Moment zurückdenkt, in dem er die Kontrolle über die Geschichte zurückerlangt zu haben scheint: Roth steht an einer Weggabelung und steuert nun einen Kurs, der ihm eindeutig richtig erscheint. Im Dorf sieht man das weniger eindeutig: Für die einen ist Roth fortan ein Nestbeschmutzer, für die anderen ein Kämpfer gegen die Baumafia. Für manche ist er beides.

Nur knapp 100 Meter vom Stück Land entfernt, um das Peter Roth seit dreissig Jahren kämpft, liegt die Halle der Grindelwalder Busbetriebe. Darüber sitzt ein Mann in einem grauen Büro, den Peter Roth mit vielen unschönen Worten beschreibt. Mäni Schläppi, ehemaliger Gemeindepräsident, Geschäftsführer der Grindelwald Bus AG und Skilehrerkollege, so wie fast alle hier im Dorf, vor allem aber: Peter Roths «Gegenspieler».

Schläppi selbst verdreht ob dieser Beschreibung die Augen, er seufzt und schaut mit mitleidvollem Blick vor sich auf den Tisch. Es ist das Mitgefühl, das dem Sieger leichtfällt.

Schläppi will eigentlich nicht mehr über die Sache reden. Aber dann hat er doch eineinhalb Stunden Zeit, spontan, weil es wichtig sei, dass man nicht nur die Seite von Peter Roth höre. Am Ende der eineinhalb Stunden sagt er: «Es wühlt mich immer noch auf. Es ist einfach eine traurige Geschichte. Eigentlich tut er mir leid.»

Mäni Schläppi war damals, als die Medienlawine über Grindelwalds Ferienhäuser donnerte, derjenige, der den Journalisten Grindelwald erklären musste. Wie konnte es sein, dass bei fast 100 Wohnungen und damit 42 Prozent der von der Untersuchungskomssion abgeklärten Objekten tatsächlich ein Verstoss festgestellt wurde?

Etwa ein Jahr nach dem Ewap-Skandal war Schläppi auch derjenige, der sich rechtfertigen musste, als die nationalen Medien über Peter Roths zweite Enthüllung berichteten: wie im Berner Oberland in zahlreichen Gemeinden, darunter auch Grindelwald, die Lex Koller missachtet worden war und Ausländer illegal hatten Grundstücke erwerben können.

Der Ewap-Skandal gilt heute selbst unter denjenigen, die dem Bausündenjäger nicht gut gesinnt sind, als ein Erfolg des Peter Roth. Seine Enthüllungsarbeit sei wichtig gewesen, heisst es. Nur wenige Jahre später stimmt das Schweizervolk der Zweitwohnungsinitiative zu. Verschiedene Raumplanungsexperten sagen, dass die Skandale, die Peter Roth im Berner Oberland aufdeckte, der zuerst als radikal verschrienen Initiative geholfen hätten.

Wenn Schläppi heute von jener Zeit erzählt, wirkt es so, als ob er wieder mitten im Medienstrudel stünde. Er rechtfertigt sich und redet und redet, und antwortet dabei auf Fragen, die gar nicht gestellt wurden. Schläppi führt ein Kreuzverhör mit sich selbst, wobei er den Fragen laufend ausweicht. Er sagt: «Ja, im Gemeinderat war die Mehrheit aus der Baulobby.» Aber sie seien immer in den Ausstand getreten. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand jemals irgendetwas gemauschelt hat.»

Nicht dass dieser Verdacht geäussert worden wäre, aber Schläppi fügt von sich aus an: «Ich wurde nie, nie, nie kontaktiert, um etwas zu vertuschen! Aber ich musste viel unterschreiben, am Laufmeter, einmal sagte ich zum Gemeindeschreiber: ‹Irgendwann setze ich meine Unterschrift unter etwas, das uns zum Verhängnis wird.› Das ist doch kaum zu vermeiden, im Milizsystem.»

Schläppi verwies damals auf seine Vorgänger. Und auf die Schwächen des Milizsystems. Wie kompliziert das Raumplanungsgesetz sei. Unfähigkeit, nicht Boshaftigkeit. Überforderung, nicht Absicht.

In jener Zeit erlebte Schläppi alle Seiten des Peter Roth. «Wir haben erlebt, wie er ausrastete. Es gab eine Zeit, in der wir die Sitzungszimmer abschlossen. Es ist nie etwas passiert, aber es fielen Drohungen.»

Der Wahnsinn

Ein Jahr ist vergangen, seit Peter Roth das verfluchte Stück Land gezeigt hat, nun steht er auf einem Balkon in Matten bei Interlaken oberhalb einer vom Regen verdunkelten Strasse. Sein Blick reicht nicht weit. Er kennt das aus Grindelwald, wo man aus nahezu jeder Wohnung an eine Wand schaut. Nur ist es dort der Eiger, der die Sicht einengt. Für Peter Roth ist es nun die Betonwand der Garage Wenger.

Peter Roth ist heute ein Sozialfall. Für die zahlreichen juristischen Kämpfe, die manchmal bis vors Bundesgericht führten, hat er sich verschuldet. Und wegen Darmgeschwüren war er immer wieder mal arbeitsunfähig. Bis 2015 lebte Peter Roth noch in Grindelwald, bei einer alten Frau, damals schon fast 90, der die Anfeindungen egal gewesen seien. Dann bot ihm die Gemeinde Grindelwald eine Sozialwohnung an. Roth lehnte das Angebot ab, weil sich die Wohnung im Umbau befand und er in der Turnhalle hätte duschen müssen. Er sah darin eine gezielte Demütigung. Also zog er weg, nach Interlaken, zu seiner Mutter. Dort schlief er fünf Jahre auf dem blauen Sofa in der kleinen Stube.

Nach seiner Vertreibung aus Grindelwald schlief Peter Roth fünf Jahre auf diesem Sofa im Wohnzimmer seiner Mutter.
Nach seiner Vertreibung aus Grindelwald schlief Peter Roth fünf Jahre auf diesem Sofa im Wohnzimmer seiner Mutter.
Wohnblock in einem Vorort von Interlaken statt ein eigenes Haus in Grindelwald. Sein Kampf hat Peter Roth zum Exilanten gemacht.
Wohnblock in einem Vorort von Interlaken statt ein eigenes Haus in Grindelwald. Sein Kampf hat Peter Roth zum Exilanten gemacht.

Peter Roth hat sowohl seine Erfolge wie seinen Niedergang akribisch dokumentiert. In der Sozialwohnung in Matten stehen in Regalen Dutzende Ordner, säuberlich angeschrieben. Jeder der verschiedenen Bauskandale füllt Regalmeter, wie es Juristen nennen würden. «Lex Koller», «Alphüttli 1», «Alphüttli 2», «EWAP». Dann gibt es Ordner mit dem Titel «Causa Roth», nummeriert mit I, II, III, IV, V, VI, VII und VIII.

Der letzte Ordner enthält das vielleicht düsterste Kapitel in Peter Roths Geschichte. Er ist angeschrieben mit «Prozessbeistand».

Die Gebrüder Roth zogen ihren Erbschaftsstreit über mehrere Instanzen weiter, bis sie Anfang der nuller Jahre vor dem Obergericht in Bern landeten, das eine psychiatrische Begutachtung veranlasste. Peter Roth sagt, der Auslöser sei gewesen, dass sie vor Gericht ausgerastet seien. In einem Gutachten steht, die Brüder Roth hätten den Oberrichter privat «behelligt».

2003 schrieb Ueli Corrodi, der Chefarzt der Psychiatrie des Spitals Interlaken, in einem Bericht über Peter Roth: ausgeprägte narzisstische Problematik mit querulatorischen und paranoiden Zügen. Ein gekauftes Gutachten nennt Peter Roth den Bericht heute.

Das Gericht nutzte das Gutachten, um Peter Roth und seinem Bruder einen Beistand zur Seite zu stellen. Dieser unterzeichnete anstelle der Gebrüder einen Vergleich mit den Tanten und dem Onkel. Der Vergleich schloss die Gebrüder Roth aus der Erbengemeinschaft aus und nahm ihnen das Anrecht auf Anteile an eventuellen späteren Gewinnen aus Landverkäufen. Dafür wurden sie mit je 50 000 Franken entschädigt.

Peter Roth hat das Gutachten damals begutachten lassen. Ein Psychiater in Uster kam zum Schluss: Das Gutachten sei methodisch nicht haltbar, unvollständig und tendenziös; es dürfte in dieser Form vor Gericht als Beweismittel nicht verwendet werden.

Wer Peter Roth heute trifft und wer das Gutachten gelesen hat, erkennt in der Beurteilung des Psychiaters eine unheimliche Prognose der folgenden Lebensjahre. Das Gutachten beschreibt einen Mann, der von einer Verschwörung redet. Der die Gemeinde Grindelwald gegen sich sieht, die Tanten gegen sich sieht, die ganze Welt gegen sich sieht.

Peter Roth urteilt hart über andere Menschen. Es sind durchaus phantasievolle Beleidigungen, mit denen er die Protagonisten versieht, die meisten wären justiziabel, wenn man sie wiedergeben würde.

Wer manche der so karikierten Personen trifft, kommt nicht umhin, Peter Roth immer wieder einmal zuzustimmen. Doch dann gibt es auch diese Momente, in denen sich Peter Roths Beschreibungen anderer als unfreiwillige Selbstbeschreibung entlarven. Da ist der eine «Widersacher», ebenfalls ein Skilehrer, er trifft ihn immer noch jedes Jahr bei Wiederholungskursen, ein Versager, sagt Peter Roth, weil er zeitlebens nie etwas auf die Reihe gekriegt habe, von der Frau betrogen, will Roth wissen – und dann: «Kennedy-Komplex, die ganze Familie, Zweiter ist nie gut genug, aber Erster werden sie nie.»

Und dann hängt da in Peter Roths Sozialwohnung an der Wand ein Blatt Papier, darauf gedruckt: «Zitat John F. Kennedy: Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann, fragt, was ihr für euer Land tun könnt.» Und darunter, Zitat von Peter Roth vom 13. 9. 2021: «Fragt, was euer Land für euch tun kann, wenn ihr für euer Land es schon getan habt.»

Im Gutachten prognostiziert der Psychiater, dass sich das Verhalten Peter Roths verschlimmern werde. «Querulatorische Züge, die ins Asoziale abdriften könnten.» Weitere Gerichtsverfahren drohten.

An einer anderen Wand in Peter Roths Wohnung hängt ein weiteres Blatt Papier, mit vier Reissnägeln säuberlich angepinnt: «Wenn man einem Menschen verbietet, das Leben zu leben, das er für richtig hält, hat er keine andere Wahl, als ein Rebell zu werden.» Nelson Mandela.

Das Leben zu leben, das er für richtig hält. Hätte es dafür die Erbmillionen gebraucht? Roth zürnt dem Obergericht bis heute dafür, dass es sich mit den Tanten gegen ihn und seinen Bruder verschworen hat und sie beide mithilfe des psychiatrischen Gutachtens aus der Erbengemeinschaft ausgeschlossen hat. Aber inzwischen ist das zwanzig Jahre her.

In der Geschichte des Peter Roth fällt es leicht, Peter Roth als Wahnsinnigen abzustempeln. Einen, der sich verrannt hat, der in der Erbschaft das einfache Geld sah und gierig wurde. Womöglich stimmt das sogar.

Aber was, wenn Peter Roth recht hat und ihm damals tatsächlich unrecht getan wurde?

Ein Erbschaftsstreit ist meist erst das Schlusscrescendo eines jahrzehntelangen Konflikts. Genährt von Verletzungen, die von einer Generation an die nächste überliefert werden. Wem fiele es da leicht, sich zu lösen, wenn die Mutter schon eingebleut hätte, dass die Tanten einem misstrauen würden, und man sässe da, Anfang zwanzig, eine Ausbildung abgeschlossen, aber damit nicht ganz glücklich, und wüsste: Da ist dieses Stück Land in der Familie, Millionen Franken wert, wenn es verkauft würde, jetzt!, wieso auch warten, schliesslich könnte man das Geld ja gebrauchen. Und dann wäre da eine Gegenseite, eben diese Tanten, die einfach nicht einlenken wollen. Währenddessen tun alle im Dorf dasselbe, verkaufen Land, werden reich, leben das Leben, das sie für richtig halten. Wer ist da stark genug, sich nicht hineinziehen zu lassen in den Strudel eines Erbschaftsstreites?

Der Viehhändler

«Ich bin der Meinung, dass die Scheunen, die zum Teil einen Wohnteil angebaut haben, für die Bauern damals, damit sie nicht zu Tal mussten im Sommer – das war damals richtig. Aber leider Gottes isch damet masslos Spekulation betriebe worde.

Der Peter Roth hat in dieser Sache schon Recht.

Das hatte doch mit Tourismus gar nichts mehr zu tun. Den Massentourismus in diesem Ausmass – das hätten wir uns als Junge gar nicht vorstellen können. Auch ich habe dazu viele Leserbriefe geschrieben.»

Roth schlägt zurück

Im Hotel Alpenblick in Grindelwald sitzt im Spätsommer 2022 ein erboster Mann. Beat Hutmacher, von allen nur Yeti genannt, stieg vor zehn Minuten erst ins Auto, der Anruf hat ihn aufgeschreckt. Schon wieder ein Journalist, der sich nach seinen Alphütten erkundigt. Alles nur wegen Peter Roth.

Der Yeti, Jahrgang 1961, Patagonia-Faserpelz mit blau-gelbem Wimpel, weisses, zum Rossschwanz gebundenes Haar, will zuerst nicht, dass man das Gespräch aufnimmt, er habe sowieso nichts zu sagen, nur zwei Dinge möchte er betonen: Peter Roth lüge. Und das sei niederträchtig.

Yeti war der Posterboy der Skandalberichterstattung. «Alphütten illegal umgebaut!»

«Aus Scheunen Luxuschalets gemacht – ohne Baubewilligung», «Erneuter Bauskandal im Berner Oberland», hatte der Blick getitelt. Die «Rundschau» hatte das Bergdorf besucht. Fotografiert und gefilmt hatten sie immer die Alphütten des Yeti.

Die Hütten sind wirklich schön. Keine neuen Chalets, auch nicht, wie Yeti sagt, «wie von Bauern mit Linoleum oder so geschmacklos umgebaute Hütten», sondern «zurückhaltend, im Stil des Hauses, plastikfrei, also behutsam renovierte Ställe oder alte Alpgebäude, einsam gelegen, meist mit Ausblick ins Tal». Der Yeti ist stolz auf seine Objekte mit den beheizbaren Wasserbottichen, von denen man badend ins Tal blicken kann. «Alles, was du brauchst, und nichts, worauf du schon mal verzichten wolltest», so fasst er auf der Website das Angebot zusammen.

Peter Roth hatte den Yeti schon lange im Visier. Der Yeti war Skilehrer, aber er war immer schon etwas mehr gewesen. «En Paradiesvogel, cool und gross, bi de Fraue en Sibesiech.» Das Problem des Yeti: Seine Alphütten liegen ausserhalb der Bauzone, und, das hat Peter Roth abgeklärt, für die Umbauten und die Nutzung als Ferienwohnungen gibt es keine Bewilligung.

Im Gegenteil, eigentlich wurde der Yeti immer wieder gerügt dafür, dass er gebaut hatte, ohne zuvor eine Bewilligung einzuholen. Passiert ist nichts. Einen Skandal nennt Peter Roth das. Er behauptet, das sei nicht nur bei Yetis Hütten so, sondern habe System.

Der Alphüttliskandal 1, wie er ihn nennt, ist erst die Spitze des Eisbergs. Dutzende weitere Hütten hat er in «nächtlichen Séancen» beim Online-Studium im Grundbuch und beim Abgleich mit Bauplänen und Baubewilligungen abgeklärt. Öffentlichkeitsgesetz sei Dank, kommt Peter Roth inzwischen, mit zwanzig Jahren Erfahrung ausgestattet, routiniert an die jeweiligen Unterlagen.

Der Yeti bestreitet alle Vorwürfe, er behauptet, die Behörden hätten seine Hütten längst besucht, vier Delegationen habe er gezeigt, wo er Fenster vergrössert, den Stall in ein Schlafzimmer verwandelt habe. Immer hätten sie dicke Beigen Papier auf den Berg geschleppt. Illegal sei da gar nichts.

Er ist wirklich erbost, der Yeti, schliesslich sei er doch eigentlich auf der Seite von Peter Roth. Der habe beim Ewap-Skandal Gutes geleistet. Auch jetzt habe er vermutlich recht, sicher werde da vieles illegal umgebaut. Aber doch nicht bei ihm. Sowieso: Richtig und falsch? Wer definiere das schon? Was er mit Bestimmtheit weiss: «Mehr so Hüttli in den Bergen, bitte nicht! Das wäre schrecklich, das sieht sonst aus wie Schrebergärten in den Alpen, mein Albtraum, fehlen nur noch überall Gartenzwerge.»

Inzwischen sind fast zwei Jahre vergangen, seit der «Blick» zum ersten Mal Peter Roths Recherchen zu den Alphütten verbreitet hat, und immer noch sind Abklärungen im Gang. Für Peter Roth ist das ein Zeichen für die Korruption in den Behörden, und für einmal ist er mit seiner Verschwörungstheorie nicht allein.

Ein Berner Anwalt, der Peter Roth regelmässig rechtlich pro bono zur Seite steht und der sich seit Jahrzehnten mit dem Raumplanungsrecht beschäftigt, sagt: Es ist ein systemischer Fehler. Wer vergibt in den Gemeinden die Baubewilligungen? Die Gemeindeverwaltung. Wer ist die Baupolizei, die Verstösse aufdecken oder mit Sanktionen belegen müsste? Die Gemeindeverwaltung.

Dazu kommt: Der siebenköpfige Gemeinderat von Grindelwald zählte zeitweise fünf Mitglieder, die in der Immobilienbranche ihr Geld verdienten.

Abklärungen, die der Regierungsstatthalter als nächsthöhere Instanz getroffen hat, ergeben bis jetzt vor allem: punktuelle Verstösse, aber kein systematisches Problem. Wobei Peter Roth auch das anzweifelt

Eigentlich wäre die Sache klar. Ausserhalb der Bauzone darf man nicht einfach so bauen. Es gibt Ausnahmebewilligungen, und die sind, Peter Roth gibt das selber zu, «deeeeeeeehnbar wie Gummi». Ein Beispiel: Wurde das Haus auch schon vor Einführung des Raumplanungsgesetzes 1972 zumindest teilweise bewohnt, wies also einen kleinen Raum auf, in dem der Alphirte übernachten konnte, darf man es massvoll umbauen, damit es heutigen Standards entspricht. Also eine Dusche anbauen – oder vielleicht auch eine Küche.

Immer, wenn es scheint, dass Peter Roth recht hat, fügt er aber etwas an, das wieder Zweifel hervorruft. Wieso der Statthalter die Abklärungen verschleppt? Roth sagt, er habe einen Spitzel auf dem Statthalteramt. Der erzähle ihm, der Statthalter habe nur ein Ziel: ihn, Peter Roth, den Bausündenjäger, zu erledigen. «Der Statthalter sagt sich: Den Roth, den erledige ich.»

Im Strudel

Wer in einem Fluss in einen Strudel gerät, hat nur eine Überlebenschance: die Luft anhalten, sich vom Strudel hinunterziehen lassen, bis man den Grund erreicht und dann dem Boden entlang wegtauchen kann, bis man ausserhalb der Sogkraft des Wasserwirbels ist. Wer dagegen ankämpft, verliert zuerst Kraft, dann Luft, so dass er schliesslich am Grund ertrinkt. Peter Roth wurde hineingezogen in den Strudel des Erbschaftsstreites, er hat sich nicht hinunterziehen lassen. Er kämpft. Und noch hat er etwas Luft.

Roth hasst die gesamte Obrigkeit mit einer Inbrunst, die jeden Zuhörer erschöpft. Der Berner Anwalt, der ihn gelegentlich juristisch betreut, sagt, die Wut sei verständlich. Den Gebrüdern Roth sei übel mitgespielt worden. Er habe das gesamte Dossier studiert. 40 Zentimeter hoch türmten sich die Akten hierzu auf seinem Tisch. Allein: Die Sache sei verjährt.

An einem Spätherbstnachmittag klingelt das Telefon bei einer Person, die Peter Roth schon lange gerne selbst sprechen würde. Seinem Cousin, dem Sohn einer der beiden «Erbtanten», die ihn vor inzwischen fast zwanzig Jahren mithilfe des Gutachtens aus der Erbengemeinschaft entfernt hatten. Der Cousin seufzt, dann lacht er. Es ist ein Lachen, so matt wie die Novembersonne. Das Stück Land im Grund bei Grindelwald hat dem Lachen der Familie Roth die Kraft genommen. Ja, er werde seine Mutter fragen, ob sie ihre Seite der Geschichte erzählen wolle.

Auf Roths Kontaktversuche reagieren sie schon lange nicht mehr. Zu viel ist passiert.

Wie hatten die Tanten bloss denken können , dass die Sache 2003 mit dem psychiatrischen Gutachten erledigt sein würde, hatten sie es denn nicht gelesen? Da stand doch klar und deutlich drin, dass Peter Roth nicht ruhen würde.

Darmkrebs setzte ihn Mitte der nuller Jahre zwar eine Weile ausser Gefecht, beendete auch seine Karriere als Skilehrer, aber kaum war Peter Roth genesen, erzwangen die Gebrüder Roth eine Aussprache mit der Gemeindeverwaltung Grindelwald und den Tanten. Nach einem erneuten psychiatrischen Gutachten schenkten die Tanten jedem der Brüder 100 000 Franken. Zweck: Wiedereinstieg ins Berufsleben.

Zugleich unterschrieben die Brüder Roth erneut, dass sie jeglichen weiteren Anspruch an das Land im Grund abtreten würden.

Einer der zahlreichen Anwälte, die die Gebrüder Roth in den mehr als zwanzig Jahren in ihrem Erbschaftsstreit bemüht hatten, bezeichnet die Schenkung als geschickten Schachzug. Bis zu jenem Zeitpunkt wäre es den Gebrüdern Roth möglich gewesen, den einstigen Rauswurf aus der Erbengemeinschaft anzufechten. Der erneute Verzicht verunmögliche es, den Fall neu aufzurollen.

In Grindelwald bleibt auch nach zwanzig Jahren Erbschafts- und Baulandstreit die Grenze zwischen Recht und Unrecht unscharf.
In Grindelwald bleibt auch nach zwanzig Jahren Erbschafts- und Baulandstreit die Grenze zwischen Recht und Unrecht unscharf.

Ob die Gebrüder Roth 2003 von ihren Tanten übers Ohr gehauen worden sind, lässt sich heute kaum mehr klären. Akzeptieren konnten und können dies die Brüder bis heute nicht. Auch nach der Schenkung von 100 000 Franken kämpften sie weiter. Irgendwann zeigten sie die eine Tante wegen Nötigung und Körperverletzung an: Ein Anwalt führte den Darmkrebs auf den Erbschaftsstreit zurück. Die Staatsanwaltschaft bezeichnete diese Argumentation als «absurd», 2500 Franken berechnete der Anwalt dafür trotzdem.

Eine Woche nach dem Anruf meldet sich der Cousin wieder. «Meine Mutter will nicht mehr über die Geschichte mit Peter Roth reden. Kein Wort. Nie mehr. Sie wünscht sich nur, dass das alles endlich vorbei wäre.»

Der Viehhändler

«Vielleicht hätte der Peter Roth den Fehler auch bei sich selber suchen müssen. Viele haben nicht so viel erhalten wie de Peter. Diese mehreren hunderttausend Franken. Das ist ein schöner Betrag, um ein Leben zu starten.

Ich habe nie so viel erhalten wie er. Aber schon als Bub bin ich Veehändler gsi. Habe alles gekauft: Chiengle, Henni, das isch mis Weese gsi. Bi vor Art es bitz en Handelsmaa gsi, obwohl ich gar kein Geld hatte. En Naselumpe im Sack vom Mutti ond soscht nid.

Auch ich wäre dem Peter Roth gerne eine Hilfe gewesen. Aber nur einer kann dem Peter Roth helfen: der Peter Roth.»

Bananenrepublik Bern

An der Wand in Peter Roths Wohnung hängt in einem Rahmen ein Porträtbild von Peter Roth. Er posiert da als Kandidat für den Prix Courage, den Preis, den das Magazin «Beobachter» jedes Jahr Menschen mit besonderer Zivilcourage verleiht. Peter Roth war einer von drei Nominierten. Für ihn war es Anerkennung für seine Arbeit als Bausündenjäger. Für den ehemaligen Gemeindepräsidenten Mäni Schläppi ein Affront: «Prix Courage, um Gottes willen! Da hani gseid, das darf eifach nid si.»

Es ist nicht einfach, eine Bilanz von Peter Roths Bausündenjagd zu ziehen. Wer die Dossiers liest, die er zu verschiedenen Häusern zusammengestellt hat, teilt seinen Eindruck, dass in den Berggemeinden andere Regeln gelten. Da ist das Ehepaar aus Norddeutschland, das in Grindelwald eine Liegenschaft erworben hat, der Fall ist Jahre her. Im Bewilligungsbescheid der Baubehörde schreibt diese, dass die Wohnung zwar eigentlich den gesetzlichen Rahmen überschreite, aber man hier eine Ausnahme mache. Das Ehepaar benötige die Wohnung zu repräsentativen Zwecken. Peter Roth hat mehrere Ordner gefüllt mit solchen Ausnahmen.

Das Problem: Peter Roth ist allein in seinem Kampf. Zwar dienen seine Recherchen der Stiftung für Landschaftsschutz als Grundlage für Klagen, von denen zahlreiche vor Gericht Bestand haben. Aber für sein Engagement als Landschaftsschützer zahlt Peter Roth einen hohen Preis: Er verlor Vermögen, Heimat und Familie.

Tut er also das Richtige, der Peter Roth? Beim Alhüttliskandal fand der Regierungsstatthalter immerhin bei fast zwei Dutzend der knapp 30 Hütten, dass Abklärungen nötig sind. Ist das nun viel oder wenig?

Ein emeritierter Basler Rechtsprofessor, der sich mit den Verhältnissen im Berner Oberland auskennt, sagt, man müsse das Schweizer Verhältnis zum Recht verstehen. Es sei pragmatisch, nicht prinzipientreu und auch nicht unbedingt logisch.

Vielleicht ist das Peter Roths Ursünde. Dass er an Gesetze glaubte, wo Gefühle herrschen. In einem Dorf wie Grindelwald kann man allein nicht gewinnen. Also muss man Menschen für sich einnehmen. Peter Roth hat sie alle gegen sich aufgebracht, weil er dachte, dass das Recht am Schluss ja doch auf seiner Seite sei.

Ein ehemaliger Gemeindepräsident Grindelwalds, der nicht genannt werden will, sagt: «Mir hei kei Boumafia. Das lauft normal, wie s im ne Dorf lauft. Jede, wo es Gschäft füehrt, häd finanzielli Interesse. Mer muess au d Rächnige chönne zahle. Mer muess existiere.»

Peter Roths Theorien über das Leben

Ende März starb Peter Roths Mutter. Sie wurde 82 Jahre alt. Roth zieht nun um, in ihre alte Wohnung, einen Stock tiefer. Er wartet immer noch auf den Abschlussbericht vom Alphüttliskandal 1. Er hat Material bereit für den Alphüttliskandal 2. Aber die Journalisten, die er früher mit Material gefüttert hat, beim «Blick» und bei der «Sonntags-Zeitung», wollen momentan nicht. Dabei verberge sich darin Roths «Hiroshima-Bombe».

Roth macht seine Rotkreuzfahrten, wälzt Geschäftsideen, für die ihm das Kapital fehlt. Eine spezielle App für die Fahrtheorie zum Beispiel. Aber eine richtige Arbeit lohnt sich für ihn nicht. Die Schulden sind so hoch, dass jeder erarbeitete Franken gleich wieder weg wäre.

Wenn man ihn fragt, wieso die Schulden so hoch seien, verweist er auf den juristischen Kampf ums Land und seine Krankheit. Mehrere hunderttausend Franken haben die Brüder einst erhalten, dazu kommen Darlehen von der Gemeinde für eine Ausbildung. Der Kampf hat alles aufgefressen.

Für Städter, die von den Bauskandalen lesen, für Landschafts- und Umweltschützer ist Peter Roth ein Held. Er kämpft fürs Rechte. Aber auch wer das rechtlich Richtige tut, kann ein falsches Leben leben.

Peter Roth hat verschiedene Theorien über das Leben. Das Leben sei wie ein Orientierungslauf, erklärt er einmal. Vorgegeben seien der Start und das Ziel, aber ob und an welchen Posten man vorbeigehen wolle, sei den Menschen überlassen. Jeder Posten habe seine Tücken. Von manchen führe kein Weg mehr weg.

Peter Roth glaubt auch an die Wiedergeburt. Wie er sich dann sein Unglück erklärt? «Es könnte sein, ich kann es nicht beweisen, dass ich im vorherigen Leben etwas Schlechtes war, weswegen ich das nun alles verdiene.»

Und dann gibt es Peter Roths dritte Theorie des Lebens in Dritteln. Im ersten Drittel lerne man, im zweiten «hat man», und im dritten Drittel «ist man» und wartet, bis man stirbt.

Es passt irgendwie, dass Peter Roth sein eigenes Leben nur in zwei Teile zerteilt. «Die erste Hälfte war brutal. Die zweite Hälfte, die kommt jetzt, da kann ich mir alles zurückholen, was mir zusteht.»

56 Jahre, das ist spät für eine zweite Hälfte. Peter Roth sagt auch, dass sie schon vor zwanzig Jahren hätte anfangen sollen. Aber, und Peter Roths Stimme wird wieder ganz leise, wenn er das sagt, die fange jetzt richtig an, jetzt, wenn sich das Zeug im Grund noch zum Guten wende.

Was, wenn nicht, Herr Roth?

«Es wird, da bin ich todsicher.»

Der Viehhändler

«Ich habe Euch einige Sachen erzählt, die der Wahrheit eventuell sehr nahe kommen. Ich wusste, was ich formuliere. Wie ich es formuliere. Ich habe Euch viel erzählt.

Das tueni am Mänsch am meiste kritisiere: dass er die Wahrheit fürchten tut. Dass er etwas sein will, was er nicht ist. Aber uf die eint oder die ander Art tuet d Ziet d Sach korrigiere. Nid der Mensch. Die Zeit!»

* Name geändert.