An einem Dienstagabend Ende Mai setzt sich Maxime Labrit auf seinem Hausboot auf der Sambre, einem Fluss in Nordfrankreich, vor seinen Computer und eröffnet eine Skype-Sitzung mit dem seltsamen Titel «Spermanence». Er macht das jeden Dienstagabend um 19 Uhr. Dann wartet er auf Rekruten für seine Revolution.
Nach ein paar Minuten loggen sich zwei junge Männer ein, der eine scheint im Büro zu sitzen, der andere hat den Hintergrund verschwimmen lassen. Sie stellen sich vor, Labrit, 41, erklärt, dass sie ihm auch privat schreiben dürften, wenn etwas zu persönlich sei, was gut möglich ist – schliesslich geht es hier um die privateste Sache der Welt: die Geschlechtsorgane der Männer. Vor allem: wie sie sich kontrollieren lassen.
«Also, ich habe auf deiner Website den Ring bestellt und ihn nun gestern erhalten. Als ich versuchte, ihn anzuziehen, stellte ich fest, dass ich meinen linken Hoden nicht hochschieben kann.»
«Du hast die Tipps auf meiner Website befolgt und zum Beispiel deinen Hodensack massiert?», fragt Labrit.
«Ja, hab ich, werde ich auch nochmals probieren. Aber ich wollte wissen, ob du schon gehört hast, dass die Hoden sich nicht hochschieben lassen?»
Das hat Labrit natürlich. Es gibt kaum etwas, was ihm in der Spermanence noch nicht untergekommen ist.
«Das kommt immer wieder vor. Meistens wurde in der Kindheit ein Hodenhochstand operiert und der Hoden im Hodensack fixiert. Dann lässt sich das Ei nicht mehr aus dem Sack schubsen.» Labrit erklärt, dass sich die Fixierung lösen lasse, empfiehlt dem jungen Mann einen Arzt in Paris und beruhigt ihn. «Wenn das geflickt ist, kannst du den Ring trotzdem gebrauchen.»
«Danke, Maxime, dann gehe ich jetzt abendessen.»
Durchmesser 31,5 bis 44,7 Millimeter, Material Silikon, Farben weiss, blau, rot, was immer man sich wünscht: der Ring, mit dem der junge Mann kämpft, ist simpel, aber er soll, wenn es nach Labrit geht, die Welt verändern. Haben die Männer ihn über ihren Penis gerollt, können sie den Hodensack durch den Ring ziehen, wodurch die Hoden rückwärts in den Körper geschoben werden. Dort ist es so warm, dass sie nach einer Weile die Spermienproduktion einstellen, wenn man sie im Schnitt 15 Stunden pro Tag trägt.
Thermische Verhütung nennt sich das. Es ist ausser dem Kondom die bis heute einzige Verhütungsmethode für Männer. Labrit sagt, etwa 20000 Männer würden bereits so verhüten, 80 Prozent davon in Frankreich. «Und es werden immer mehr.» Jede Woche bestellen Männer auf seiner Website Ringe und schalten sich in die Spermanence, wo sie Erfahrungen austauschen.
Die Ringmänner wollen eine Revolution anzetteln. Sie wollen sich selbst und ihre Partnerinnen vom Patriarchat befreien, das den Frauen die Verantwortung bei der Verhütung aufbürdet. Maxime Labrit ist ihr Anführer, es hat ihm den Übernamen «Che Guevara der Verhütung» eingebracht, und der Ring ist so etwas wie die Kalaschnikow dieser kleinen Rebellentruppe: günstig und robust. Ausserdem ist er theoretisch überall herstellbar.
Es ist Low-Tech, weil Med-Tech auf sich warten lässt: Immer noch gibt es für Männer nur das Kondom, um zu verhüten. Dabei ist die Forschung längst so weit, dass ein Verhütungsmittel für Männer produziert werden könnte. Nicht nur eines, sondern unterschiedliche. Und auch nicht erst seit wenigen Jahren; manche der Ideen und Technologien stünden seit Jahrzehnten bereit.
Ein Wurmmittel, das unfruchtbar macht
Verhütung ist ein Spermium-oder-Ei-Problem. Anders als beim Huhn-oder-Ei-Problem lohnt es sich, das Rätsel zu lösen. Denn jede Antwort ist richtig, jede ist eine Lösung für fünfzig Prozent der Menschheit. Bis jetzt hat man aber nur eine wirklich zu Ende gedacht: Wie sich verhindern lässt, dass die Frau Eier fertig produziert, so dass sie befruchtet werden können. Dabei gäbe es zahlreiche Orte, wo man in den männlichen Körper eingreifen und das Spermiumproblem lösen könnte.
Interventionsmöglichkeit 1: Befehlsausgabe verhindern! Damit der männliche Körper in den Hoden Spermien produziert, braucht er eine Art Auftrag. Den liefert das Testosteron, das auch in den Hoden produziert und ausgeschüttet wird. Fehlt es, produzieren die Hoden keine Spermien.
Forscher wissen das schon lange. Das Problem: Am Hormonhaushalt zu schrauben ist kompliziert. Nicht jeder Mann reagiert gleich auf hormonelle Eingriffe, ja manchmal reagieren ganze Populationen unterschiedlich. So war ein Versuch, die Testosteronausschüttung zu blockieren, bei 100 Prozent der asiatischen Testteilnehmer erfolgreich – bei den europäischen Probanden produzierten hingegen 30 Prozent weiterhin Spermien.
Interventionsmöglichkeit 2: Produktion sabotieren! Nachdem der Auftrag erteilt worden ist, beginnen sich in den Hoden Stammzellen zu teilen und in Spermienzellen zu verwandeln. Sie reifen 74 Tage in den Nebenhoden und bilden dort Schwanz und Kopf aus. Das bietet zahlreiche Möglichkeiten, in die Lieferkette einzugreifen.
Manche Forscher versuchen zu verhindern, dass Spermien überhaupt Schwänze entwickeln, andere wollen den Spermien die Schwänze lassen, diese aber so verkrüppeln, dass sie sich kaum bewegen können. Und Dritte versuchen, mittels eines Gels die Spermien im Samenleiter im Moment der Ejakulation unschädlich zu machen.
Selbst wenn es ein Spermium, unbeschädigt und ungehindert, in die Frau geschafft hat, ist es noch nicht zu spät für eine Intervention. Es ist für Spermien, wenn man so will, die fieseste Methode, weil sie in dem Moment zuschlägt, in dem sie glauben, ihr Ziel erreicht zu haben.
Ein Spermium beginnt erst zu schwimmen, wenn es ejakuliert wurde und die Vagina erreicht hat. Den Startschuss gibt ein Enzym, das das Spermium mit sich führt. Forschern ist es gelungen, dieses Enzym in Mäusen mittels einer Pille zu deaktivieren. Die Spermien liegen dann bewegungslos in der Vagina und können sich nicht in den Uterus zum Ei fortbewegen.
Diese Pille wäre der heilige Gral der Verhütungsmedizin: Sie kann 30 Minuten vor dem Sex eingenommen werden und – das diskutieren Forscher momentan – wirkt auch, wenn die Frau sie schluckt: Verhütung on demand und Unisex.
Das klingt alles einfach und phantastisch, und zwar im doppelten Sinn des Wortes. Schliesslich gibt es nichts davon auf dem Markt. Dabei schien es vor 70 Jahren so, als wäre das Problem gelöst.
Es sind die frühen 1950er Jahre, und in New York verabreicht eine Gruppe Forscher Ratten eine chemische Verbindung namens WIN 18446. Gesucht wird ein Antiwurmmittel, doch Würmer tötet Win-18446 nicht. Stattdessen stellen die Forscher erstaunt fest, dass sich ein Teil der Ratten nicht mehr fortzupflanzen scheint: Die Rattenmänner produzieren keine Spermien mehr.
Die Forscher tun, was man in den 50er Jahren bedenkenlos tun darf, und geben Win-18446 einer Gruppe Männer: Häftlingen in einem Gefängnis in Oregon. Tatsächlich stellen auch diese die Spermienproduktion ein. Als einzige Nebenwirkung notieren die Forscher: Fürze. Ein Verhütungsmittel für Männer scheint gefunden. Die Antibabypille für die Frau ist da noch mehr als ein Jahrzehnt von der Zulassung entfernt.
Dann beendet eine Flasche Alkohol den Traum von der Pille für den Mann. Ein Häftling hat Whiskey in seine Zelle schmuggeln lassen. Schon nach wenigen Schlucken fühlt er sich schlecht. Er erbricht, hat Schweissausbrüche, sein Herz rast.
Die Forscher stellen fest, dass Win-18446 nicht nur ein Enzym verstopft, das für die Spermienproduktion verantwortlich ist. Dasselbe Enzym ist an einer anderen Stelle im Körper auch dafür zuständig, Alkohol in etwas weniger Giftiges umzuwandeln. Wer also Win-18446 nimmt, wird zwar temporär unfruchtbar, trinkt er aber Alkohol, vergiftet er sich.
Win-18446 ist damit als Verhütungsmittel erledigt. Wenn Verhütungsforscher diese Geschichte erzählen, witzeln sie: Männer, die nicht trinken, müssen ja auch gar nicht verhüten. Später diente die Geschichte als Beweis dafür, dass männliche Forscher ihren Geschlechtsgenossen keine Medikamente mit Nebenwirkungen zumuten wollen.
Aber diese Erklärung ist zu einfach.
Verhüten mit Mama und Papa in der Garage
In der Geschichte der Verhütung ist so vieles Zufall, dass Maxime Labrits Antwort auf die Frage, wieso ausgerechnet er zum Verhütungsrebellen geworden ist, einigermassen einleuchtet: «Boah, haha, vielleicht war ich einfach der Verrückteste?»
Wie er auf die Verhütungsmethode stiess, die er nun in ganz Europa verbreitet, weiss Labrit noch genau. 2016 diskutierte er mit einer neuen Partnerin, wie sie verhüten wollten. Für sie kam die Pille nicht in Frage, und er fand, Kondome, nun ja, «okay, aber nicht gerade die spassigste Sache der Welt».
Labrit begann zu googeln und stiess auf eine Vereinigung von Aktivisten und Ärzten, die in den 80er Jahren sowohl an hormoneller Verhütung als auch an thermischer Verhütung gearbeitet hatten. Es war das erste Mal, dass er von thermischer Verhütung hörte, und er dachte: «What the Föck? C’est Fake News?» (Labrit ist Franzose).
Das ist die Reaktion vieler, wenn sie zum ersten Mal von thermischer Verhütung hören. Die Hoden erwärmen und so die Spermienproduktion unterdrücken? Ernsthaft? Dabei ist dieser Wirkmechanismus seit der Antike bekannt. Praktiziert beziehungsweise ausprobiert wurde er aber immer nur von kleinen Gruppen Männern, die meist politisch motiviert waren. Etwa die Hodenbader, die Ende der 80er Jahre als Protest gegen das Patriarchat in einem Park im Herzen Zürichs im Kreis sitzend ihre Hoden in einem Wasserbad erwärmten.
Wäre Labrit nicht ausgebildeter Krankenpfleger, hätte er sich vielleicht abschrecken lassen. «Ich wusste ja auch nicht, was man mit den Hoden so alles anstellen kann. Wir Männer haben keine Ahnung, was da zwischen unseren Beinen ist.» Aber er wusste, was man ausprobieren kann, ohne dass man gleich alles beschädigt.
Die Verhütungsforscher in den 80er Jahren hatten mit wärmenden Unterhosen experimentiert. Labrit fand das unpraktisch. In einem Baumarkt kaufte er sich einen Ring, stülpte ihn zu Hause über den Penis und schaute, ob er sich so die Hoden in den Bauchinnenraum schieben kann, damit sie dort gewärmt werden.
Einen Ring aus dem Bauhaus will sich kaum ein Mann über den Penis stülpen. Also entwarf Labrit einen eleganten Silikonring aus dem 3-D-Drucker. Dann bat er seine Eltern, ihm ihre Garage zu vermieten. Als sie fragten, wofür, zeigte er ihnen den Ring und begann zu erklären. «Natürlich war mir das unangenehm. Aber ich fragte sie: Nehmen wir an, ihr hättet in den 80er Jahren von dieser Methode gewusst – hättet ihr sie dann ausprobiert? Sie sagten: ausprobiert bestimmt!»
Die Ringproduktion wurde zu einem Familienunternehmen. Der Vater half bei der Produktion, die Mutter machte die Administration und Logistik. 2020 verkaufte Labrit Tausende Ringe und kündigte seinen Job als Krankenpfleger.
Dann starb sein Vater, kurz darauf seine Mutter, und Labrit erhielt einen Brief. Er war von der Gesundheitspolizei. Sie gab ihm 48 Stunden, um die Produktion zu stoppen. Labrit hatte sich nie bemüht, den Ring als medizinisches Gerät zu registrieren. Er glaubt, dass ihn ein paar konservative Ärzte verpfiffen hätten.
Die Eltern tot, die Produktion von der Polizei gestoppt, aber auf Labrits Website erkundigten sich immer noch Dutzende Männer, wie die thermische Verhütung funktioniere und ob man Ringe bestellen könne. Labrit dachte dreissig Tage nach, dann begann er ein neues Projekt. Statt Verhütungsringe bot er auf seiner Website nun Dekorationsgegenstände an: «Ringe aus Silikon, geformt durch die eisigen Winde des Satelliten Umbriel, freigesetzt in den Gasen von Ariel und fossilisiert in der flüssigen Atmosphäre des Uranus. Voilà, ein Talisman!» Dass der dekorative Ring mit den Verhütungsringen identisch ist? «Zufall. Was die Leute zu Hause damit machen, ist ihnen überlassen.»
Sind die Männer schuld?
Unter Wissenschaftern, die an Verhütungsmitteln für Männern forschen, gibt es einen Witz, den sie in jedem Gespräch mehr als einmal erzählen. Er geht so: Das erste Verhütungsmittel für Männer ist nur noch 5 Jahre von der Marktreife entfernt – seit 50 Jahren. Lustig finden sie den Witz nur bedingt. Es ist ihr Ave-Maria, das sie rezitieren, um den Glauben an die Erlösung nicht zu verlieren.
Wieso es seit 50 Jahren immer nochmals 5 Jahre dauert und jetzt nochmals 5 Jahre dauern wird, ist gar nicht einfach zu erklären. Wobei es ein paar einfache Erklärungen gibt, von denen wir viele schon gehört haben. Nur sind die falsch.
Erklärung 1: Die Forschung und die Medizin sind sexistisch. Und die Männer wehleidig.
Das Argument geht so: Eigentlich gäbe es längst eine Pille für den Mann, die funktioniert und auch getestet wurde. Nur hat diese Pille dieselben Nebenwirkungen – Stimmungsschwankungen, Gewichtszunahme usw. – wie die Pille für die Frau. Und Männern will man diese nicht zumuten.
Das sei etwas gar einfach, sagt der Mann, der sich seit zehn Jahren mit dem grössten Versuch der Pille für den Mann beschäftigt. Michael Zitzmann ist Androloge an der Universitätsklinik Münster und hat 2011 den deutschen Teil einer globalen WHO-Studie zur Pille für den Mann, die eigentlich eine Spritze ist, geleitet. Die Studie untersuchte, wie effektiv die Spritze wirkt und wie gut die Männer sie vertragen. Die Spritze war hocheffektiv, und 90 Prozent der Männer waren damit auch sehr zufrieden. Aber bei 10 Prozent traten Nebenwirkungen auf, vergleichbar mit denen, die Frauen bei hormoneller Verhütung zu erdulden haben.
Bis heute untersucht Zitzmann die Resultate, versucht zu verstehen, in welchen Testzentren welche Nebenwirkungen bei den Männern auftraten. Und woran die Unterschiede gelegen haben könnten. In Indonesien stellten die Forscher mehr Aggressionen fest, worauf die häusliche Gewalt zunahm, in Chile führte der Hormoncocktail zu Libido-Steigerungen. «Das war dann auch ein Problem, weil sich die Männer halt anderen Frauen zugewandt haben», kommentiert Zitzmann nüchtern. Die Unterschiede sind ein Problem, das man bis heute nicht ganz versteht. «Der Hormonhaushalt arbeitet da unterschiedlich, aber wir wissen nicht: Ist das genetisch oder kulturell oder vielleicht durch das Essen bedingt?»
Den Vorwurf, die Männer seien zu wehleidig gewesen, weist Zitzmann entschieden von sich. Gestoppt hat die Studie das Aufsichtsgremium der WHO. Mehrere Probanden hatten sich als suizidal gemeldet, einige wiesen sich selbst in Psychiatrien ein. Und dann war da ein Suizid. Die meisten Männer hätten das Mittel jedoch weiter nehmen wollen. «Das war, sage ich mal, schade, dass wir die Studie beenden mussten. Wenn wir weitergemacht hätten, wäre das vermutlich heute auf dem Markt.»
Dass ein Medikament mit fast identischen Nebenwirkungen für das eine Geschlecht zugelassen und für das andere in der Entwicklung gestoppt wird – ist das nicht schlicht sexistisch? Nicht unbedingt. Zitzmann verweist auf einen biologischen Unterschied zwischen Mann und Frau, der für die Erforschung von Verhütungsmitteln eine grosse Rolle spielt: Eine Schwangerschaft ist für Frauen ein medizinisches Risiko, für Männer nicht.
Die Antibabypille mag das Risiko für Thrombosen erhöhen, eine Schwangerschaft erhöht das Thromboserisiko jedoch deutlich stärker. Die Nebenwirkungen der Pille wiegen das Risiko für Frauen also auf.
Männer werden nicht schwanger, auf der Risiko-Nutzen-Bilanz steht also beim medizinischen Nutzen eines Verhütungsmittels eine Null. Jede Nebenwirkung, und sei das ein nur einprozentig höheres Suizidrisiko, macht ein Verhütungsmittel in der Endabrechnung daher für die Medizin unattraktiv.
Erklärung 2: Die Männer wollen gar nicht.
Wenn Männer etwas wollen, wird es für gewöhnlich auch erforscht und produziert. Die Kosten spielen dann keine Rolle mehr. Also wird es wohl einfach zu wenig Männer geben, die überhaupt verhüten würden, wenn sie könnten.
Klingt logisch, ist aber falsch, sagt Regine Sitruk-Ware, die so etwas wie die oberste Verhütungsforscherin der Welt ist. Sitruk-Ware ist Chefin des Population Councils, einer Organisation, die seit mehr als einem halben Jahrhundert Verhütungsmethoden erforscht und für Forschung lobbyiert. Die Zahlen zur Bereitschaft der Männer sind für sie essenziell.
Sitruk-Ware kann die Zahlen auswendig: «50 bis 60 Prozent von 9342 befragten Männern in mehreren Ländern sagten in einer Studie im Jahr 2004, sie würden gerne eine Verhütungsmethode benutzen, in den USA waren es 50 Prozent, in Deutschland sogar 70, und nein, die Studie kam nicht von uns, sondern von Schering, einer Pharmafirma, die auch die Antibabypille herstellte. 2017 sagten in einer neuen Studie 80 Prozent der Männer in den USA, sie würden gerne verhüten.» Das führt Sitruk-Ware zum dritten Argument.
Erklärung 3: Die Pharmabranche will nicht.
Anfang der 90er Jahre gab es zwei Firmen, die an einer Verhütungsmethode für den Mann forschten. Dann wurden beide von Bayer und Merck aufgekauft. «Das war das Ende für diese Projekte.» Sitruk-Ware erzählt das ohne Zorn. Sie arbeitete selbst zehn Jahre für Ciba in Basel, bevor sie Verhütungsmittel zu erforschen begann. Bayer besitzt heute ein Quasi-Monopol auf die Antibabypille. Ein Produkt, das seit Jahrzehnten auf dem Markt ist. Ein Produkt, das einfach Geld einbringt.
Ein neues Medikament zu entwickeln ist hingegen sehr teuer. «Und ein Verhütungsmittel ist sogar noch viel teurer.» Sitruk-Ware lächelt, wenn sie das erklärt. Da ist einerseits der Faktor Zeit. «Ein gewöhnliches Medikament müssen Sie vielleicht zwei Monate bis ein Jahr lang testen, ein Verhütungsmittel für Männer braucht deutlich länger.»
Das hat biologische Gründe. In dem Moment, in dem ein Mittel die Spermienproduktion stoppt, lagern in den Nebenhoden bereits Spermien, die weiterreifen; erst nach etwa zwölf Wochen macht sich die Verhütungsmethode bemerkbar. Dann wollen die Forscher die Effektivität der Methode mit dem Pearl-Index messen. Dieser basiert auf der Anzahl Schwangerschaften während eines Jahres. Und schliesslich soll die Methode reversibel sein, also müssen die Männer beobachtet werden, nachdem sie die Methode abgesetzt haben. «Wir brauchen also Paare, die sich für zwei Jahre verpflichten und sich idealerweise nicht trennen. Weil wir das nicht verhindern können, rekrutieren wir doppelt so viele Paare, wie wir am Schluss brauchen.»
Mögliche Trennungen sind nur eine von zwei sozialen Herausforderungen bei einer solchen Studie. Dazu kommt, dass bei einer Verhütungsmethode, die der Mann anwendet, der Effekt in einem fremden Körper gemessen wird. Der amerikanische Forscher John Amory hat das einmal so erklärt: «Wenn sie eine schwangere Frau im Versuch haben, ist das noch nicht unbedingt ein Zeichen, dass das Mittel nicht gewirkt hat. Vielleicht ist das Kind ja von jemand anderem.»
Das sind praktische Probleme, die lösbar sind. Nur habe man sie zu lange nicht gelöst. Sitruk-Ware sagt das mit der Abgeklärtheit der Wissenschafterin, die erfahren hat, dass Wissen alleine für Fortschritt nicht genügt. «Natürlich hätte man das früher erarbeiten können. Aber es brauchte zuerst den gesellschaftlichen Wandel: Wenn 50 Prozent der Männer bereit sind, eine Verhütungsmethode zu benutzen, ist das gut. Aber 80 Prozent sind wirklich schwer zu ignorieren.» Dazu kommen die Frauen, die heute seltener die Pille schlucken wollen. Und plötzlich gibt es für die Pharmafirmen gleich zwei Anreize, die Sache endlich ernst zu nehmen.
Doch keine Lösung
2022 reist Maxime Labrit nach Paris an den jährlichen Weltkongress für die Forschung an Verhütungsmitteln für Männer. Sitruk-Ware ist dort, Zitzmann auch, die Szene ist klein und überschaubar, man kennt sich. Wen man nicht kennt: Labrit, aber das soll sich ändern.
Nachdem Labrit seinen Verhütungsring als Amulett neu lanciert hatte, sagte er sich, dass es so nicht weitergehen könne. Zwar war inzwischen auch mit seiner Hilfe in Frankreich, Deutschland und Belgien eine Art Verhütungsbewegung entstanden, mit Vereinen an Unis in zahlreichen Städten. Aber die Forschung ignorierte thermische Verhütung hartnäckig.
Auch am Kongress in Paris ist thermische Verhütung in keinem der Vorträge ein Thema. «Wie ein Tabu, ich glaube, sie wussten, dass das existiert, aber es war halt keine Wissenschaft. Es war Folklore.» Gegen Ende des Kongresses stürmt Labrit den Vortrag des Vorsitzenden. «Es war wie ein Elektroschock, auch für die Forscher. Sie erkannten: Ha! Die Zivilgesellschaft ist hier, sie hat ein Anliegen, vielleicht müssen wir zuhören.»
An der Universität Genf gibt es eine Ärztin, die sich der thermischen Verhütung angenommen hat. Sara Arsever schliesst gerade eine Studie ab, in der sie Männer, die mit dem Ring verhüten, begleitet hat. Eben weil es keine wissenschaftlich anerkannte Methode gewesen sei. «Aber die Leute praktizieren es ja trotzdem, sie sind uns da voraus.» Arsever hat zuvor mit Suchtkranken gearbeitet. Da bringe es auch nichts, wenn man die Realität einfach ignoriere.
Arsever hat eine nüchternere Sichtweise auf die Methode als Labrit. Sie bezweifelt, dass thermische Verhütung jemals in der Masse angewendet wird. Das Ganze sei teuer. Ein Arztbesuch zu Beginn und ein Spermiogramm für 300 Franken, danach brauche es alle drei Monate wieder ein Spermiogramm für 100 Franken, um abzuklären, ob die Spermienproduktion genügend reduziert sei. «Für all das Geld sind sie dann noch nicht einmal sicher, ob es wirklich funktioniert.» Klar, der Besuch beim Frauenarzt, die Pille – all das kostet auch, aber immerhin habe man dann eine Unfruchtbarkeitsgarantie. Zudem seien zu viele Nebenwirkungen unklar. Wie gesund es auf die Dauer sei, die Hoden so lange zu erwärmen, sei unsicher; manche Ärzte warnten vor Hodenkrebs. Zudem seien nur wenige Fälle dokumentiert, bei denen ein Mann, der einst thermisch verhütet hatte, später ein Kind zeugte.
Die Fragen, die Arsever anspricht, beschäftigen auch Labrit. Vor kurzem hat die Male Contraception Initiative aus den USA Geld für Studien gesprochen. 300000 Euro, Labrit strahlt, wenn er davon erzählt.
Endlich unfruchtbar!
Regine Sitruk-Ware, die Generalsekretärin der Verhütungsforscher, träumt von ganz anderen Beträgen. Sie schliesst mit einer Forschergruppe gerade eine Phase-II-Studie ab. 462 Paare auf drei Kontinenten haben ein Gel getestet, das der Mann jeden Tag auf die Schulter reibt. Sitruk-Ware wird ganz aufgeregt, wenn sie davon erzählt. Es fehlen ein paar letzte Daten, aber sie könne jetzt schon sagen: «Das Gel ist höchst effektiv und komplett reversibel.» Ein nahezu perfektes Resultat.
Das Gel ist eine von vielen Wiederholungen in der Geschichte der Verhütungsmedizin, die es, sollte es irgendwann auf den Markt kommen, wie einen Witz der Geschichte wirken lassen. Die Kombination der Inhaltsstoffe ist nämlich alles andere als revolutionär. Der Aufbau ist nahezu identisch wie derjenige der Pille für die Frau. Sie besteht aus zwei Elementen. Zum einen aus einem Hormon, das die Produktion des weiblichen Sexualhormons Östrogen stoppt, was den Eisprung blockiert; beim Gel für den Mann stoppt ein Hormon die Testosteronproduktion, um die Spermienproduktion zu blockieren. Weil Frauen und Männer trotzdem Sexualhormone brauchen, liefern als zweites Element sowohl die Pille als auch das Gel künstlich erzeugtes Östrogen und Testosteron wieder mit.
Testpersonen berichten zwar auch von Nebenwirkungen wie Akne, leichter Gewichtszunahme oder geringen Stimmungsschwankungen, aber Depressionen oder Suizide wie bei der 2011 gestoppten Pille für den Mann registrierten die Forscher keine.
Sitruk-Ware sammelt jetzt Geld für die Phase-III-Studie. Mehr als 1500 Testpaare auf der ganzen Welt braucht sie dafür. Inklusive Auswertung der Daten dürfte auch dieser Test nochmals fünf Jahre dauern. Fünf weitere Jahre also … Sitruk-Ware lächelt sanft. «Ich weiss, ich weiss. Aber sehen Sie: Wir fingen 2004 an, 20 Jahre, wir haben nie aufgegeben, und jetzt sind wir so weit wie noch nie.»
Ausdauer ist relativ, das lernt, wer mit Verhütungsforschern redet. Mehr als 50 Jahre ist es her, seit Professor Sujoy Guha zum ersten Mal an seinem Gel getüftelt hat. Keines, das Mann auf die Schulter streicht, sondern eines, das in den Samenleiter injiziert wird. Dort kleidet es die Wand des Samenleiters ein, wartet auf die Spermien und macht sie «unschädlich». Das Gel bleibt im Samenleiter, bis eine Kochsalzlösung hineingespritzt wird. Eine Verhütungsmethode für den Mann, einmal anzuwenden, nicht hormonell, kurz: ein Traum.
Inzwischen ist Guha 83 und forscht immer noch an «Risug». In den vergangenen fünfzig Jahren schien es alle zehn Jahre so, als ob sein Gel tatsächlich die Marktzulassung erhalten könnte. Aber immer wieder tauchten neue Bedenken auf. Im Herbst 2023 veröffentlichte Guhas Team schliesslich Resultate eines Phase-III-Trials und kommunizierte, einer Zulassung stünde nun nichts mehr im Weg. Was die Studie allerdings nicht untersuchte: ob die Männer nach Entfernung des Gels tatsächlich wieder zeugungsfähig sind.
Das Patent auf Guhas Gel ist mittlerweile abgelaufen, und ein interkontinentaler Wettlauf hat eingesetzt. Ein Mann in Kalifornien freut sich darüber. Er sitzt in einem kahlen Büro mit gezogenem Rolladen und sagt: «Wir werden die Ersten sein!» Er ist der CEO von Plan A, einem Startup, das, so beschreibt er das, «Risug weiterentwickelt hat». Was Plan A den Indern voraushaben will: ein Gerät, das es Ärzten erleichtern soll, das Gel in den Samenleiter zu injizieren. Nur mit diesem Gerät sei eine Anwendung in der breiten Masse möglich. Die Inder hätten das nicht. Das stimmt so nicht, auch die Inder haben eine Art Injektionsspritze entwickelt. Aber Geschichte wird von Gewinnern geschrieben, und noch gibt es keinen «Leonardo da Vinci der Verhütungsmedizin», wie es ein Forscher genannt hat. Also wird einfach behauptet und die Geschichte umgeschrieben.
Vielleicht geht es irgendwann plötzlich ganz schnell, und den Männern stehen nahezu zeitgleich verschiedene Verhütungsmethoden zur Verfügung. So wie das bei Frauen längst der Fall ist.
Als seine Eltern starben und die Polizei die Ringproduktion stoppte, flüchtete Maxime Labrit mit einem Boot aufs Meer. Auf dem Wasser fühlte er sich sicher und wohl. Heute fährt er deshalb mit dem Hausboot nach Belgien, Holland und Deutschland, legt in Städten an, trifft Aktivisten, interessierte Ärzte und informiert Labors, wie sie sich verhalten sollen, wenn Männer sich nach Spermiogrammen erkundigen. Labrit ist kein stürmischer Revolutionär. Eher ein menschgewordenes Antiserum, das statt im Blut einzelner Menschen auf den Flüssen und Kanälen durch Europa treibt und die Gesellschaft vom Patriarchat heilt.