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Sie schuf eine Welt. Sie war gross. Und sie war gut. Wer bezahlte den Preis?

Seit 40 Jahren baut Sister Denise in Tansania an ihren Schulen. Zehntausende Leben hat sie geprägt. Die Geschichte eines Wunders – und seiner Opfer.

Prolog

In der Mittagshitze eines Frühlingstags 2004 wartet eine weisse Frau im blauen Baumwollkleid und mit weisser Haube an einer Strasse in Afrika auf ein Wunder. In ihrem Rücken ein endloser See, Wellen klatschen gegen das Ufer. Auf der anderen Strassenseite, fest in ihrem Blick, ein Tor und dahinter ein Regierungsgebäude.

Sie fühlt sich verloren, so ohne Begleitung. Sie will ja gar nicht hier sein. Aber man hat ihr gesagt, sie solle einfach vor dem Tor warten. In ihr wachsen die Zweifel. Wieso sollte der Staatspräsident ausgerechnet sie empfangen? Eine gewöhnliche, unbedeutende Nonne aus der Schweiz.

Um exakt Viertel nach zwölf fährt eine Fahrzeugkolonne durch das Tor. «Jesses, lieb Gott, säg mir.» Ein Mann tritt auf die Strasse und winkt die Nonne herbei. Über den roten Teppich, hoch in einen grossen Raum, und die Nonne setzt sich in eine Ecke.

Plötzlich kommt er angehumpelt, auf den Stock gestützt, und der Nonne ist es, als stünde ihr alter Vater vor ihr: All die Angst und alle Zweifel sind verschwunden. Sie redet und redet, bis ein Glöcklein erklingt. Aber statt dass ihre Audienz nun abbricht, wird sie an den Esstisch geleitet. Die Nonne sitzt nun direkt neben dem Präsidenten, isst mit ihm, trinkt Wein und scherzt. Erst beim Abschied erinnert sie sich plötzlich, weswegen sie ja eigentlich gekommen war.

«Herr Präsident», spricht sie ihn nun wieder ganz offiziell mit seinem Titel an. «Ich habe ein Anliegen: Meine Kinder hätten solch eine Freude, wenn Sie meine Schule eröffnen würden.»

Der Präsident wird nach dem Essen direkt in die Hauptstadt zurückfliegen. Für eine Schuleröffnung in ein paar Monaten extra zurückkehren? Unwahrscheinlich, glaubt die Nonne. Doch der Präsident lächelt und nickt: «Jawohl, ich komme.»

Noch heute, wenn die Nonne davon erzählt, ist sie überzeugt, dass sie die einzige Schule besitzt, die der Präsident in der Stadt eröffnet hat. Sie sagt, nie in ihrem Leben sei sie stolzer gewesen.

Wie misst man die Grösse eines Lebens? Mit einer Rechnung. Eine Schweizer Kindergärtnerin kommt vor vierzig Jahren nach Tansania in Ostafrika. Es hat kaum Kindergärten, also startet sie eine Klasse, dann werden es vier; schliesslich bildet sie eigene Kindergärtnerinnen aus, baut eine Primar-, dann eine Sekundarschule. Jedes Jahr schliessen 300 Kinder die Schule ab.

Ergibt, grob geschätzt, knapp 6000 direkt berührte Leben.

Jetzt kennt man sie im ganzen Land. Ihre Kindergärtnerinnen und Lehrer sind ausgeschwärmt, haben eigene Schulen gegründet.

Zehntausende, ja wer weiss wie viele, berührte Leben.

Es ist ein grosses Leben, das Sister Denise Mattle geführt – oder sollte man eher sagen: erschaffen hat.

Aber Grosses zu erschaffen, fordert einen Preis. Einen Teil davon zahlt man selbst – den Rest zahlen die anderen.

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