Blog · 23. Juni 2026

Von der Schönheit schlecht zu sein – und Nichtperfekt zu bleiben

Es ist nie einfach, etwas Neues zu starten. Weil man selten als Könner startet. Und wer möchte schon dabei beobachtet werden, wie er übt, scheitert, wieder übt, wieder scheitert. Und dabei vielleicht nur unmerklich besser wird.

(Es muss auch für die Beobachter unangenehm sein. Ich fand es jedenfalls immer körperlich schmerzhaft, Tennis auf Amateurlevel zu schauen.)

Kinder lernen so. Aber auch nicht alle Kinder. Ich war nie so ein Kind. 

Ich schaute zu. Ich beobachtete, wie die anderen Kinder etwas taten. Studierte sie lange und genau. Im Kopf wiederholte ich die Bewegungen und dann, wenn ich das Gefühl hatte, ich hätte sie nun verinnerlicht, versuchte ich mich. Heimlich. Manche Dinge lernt man so nie. Geräteturnen zum Beispiel. Oder eben, Tennis.

Bei anderen Dingen erschien es mir dann auch später, als ich kein Kind mehr war, unwahrscheinlich, dass ich jemals gut darin werden würde. Wie viele Stunden musste man wohl gesurft haben (10’000 wie das manche Forscher behaupten?), bis es sich nicht mehr peinlich anfühlen würde? Ja, bis es richtig Spass machte? So gelegentlich etwas zu surfen, eine Woche pro Jahr – das brachte doch nichts; da hätte man vermutlich schon als 15-Jähriger zu lernen anfangen sollen.

Doch dann wurde ich 33 und wagte mich auf ein Surfboard. Und etwas ganz Merkwürdiges geschah: Ich war vom ersten Moment an glücklich. 

Dabei konnte ich es nicht. Ich konnte es auch nach einer Woche nicht. Und ich erkannte schnell, dass ich es nie wirklich können würde. Dafür müsste ich ans Meer ziehen oder ein Wellen-Sabbatical nehmen. Doch gerade diese Erkenntnis befreite mich. Ausgerechnet das Wissen um die Aussichtslosigkeit, in diesem Leben jemals noch ein guter Surfer zu werden, ermöglichte mir, mich immer wieder glücklich in die Wellen zu stürzen. Vielleicht ist das eine Sache des Alters: Irgendwann wird man alt genug, um Dinge anzufangen, von denen man von Anfang an weiss, dass man nie besonders gut darin wird.

Ich dachte damals nicht viel darüber nach, sondern genoss es einfach, unfähig und frei, in eine Art trotteligen Flowzustand zu paddeln.

Natürlich würde ich besser werden, wenn ich öfters surfe. Und ich fände das auch befriedigend. Aber das hier ist keines dieser unzähligen Plädoyers fürs Scheitern und Wiederaufstehen. Im Gegenteil.

Vor ein paar Monaten begann ich zu zeichnen. Es gibt kaum eine Tätigkeit, der ich weniger Chancen zugestand, mich glücklich zu machen. Auch weil es kaum etwas gibt, das ich schlechter kann. Ich weiss nicht, wie ich eine Linie so aufs Papier bringe, dass die Perspektive auch nur einigermassen stimmt; wie erzeugt man Volumen, Schatten, Tiefe? Wieso ist die Linie dort schräg, obwohl ich sie doch gerade ziehen wollte?

Vor einer Reise kaufte ich Kohlenstifte, dicke Bleistifte, nahm sogar Neocolor in die Hand. Und dann malte ich an einem Strand in Portugal Sandhügel und Wellen. Das Papier war voller schwarzer Flecken und Schattierungen, die niemand ausser mir als Sand erkennen würde. Aber ich war auf eine ganz merkwürdige Art und Weise glücklich.

Währenddem Zeichnen hatte ich hingeschaut, ganz genau, ganz exakt versucht, die Linien der Hügel aufs Papier zu bringen. Nichts davon gelang, aber während ich mich konzentrierte, vergass ich alles um mich herum. Ich verschwand in einer anderen Welt, in der es gar keine Rolle spielte, ob ich gut oder schlecht war, bei dem, was ich gerade tat.

Seither bin ich auch nicht besser geworden. In Athen habe ich kürzlich ein Auto gezeichnet, meine Freundin hatte einen Lachanfall, als sie die Zeichnung sah. Trotzdem zeichnete ich weiter. Etwas Neues, ein paar Bären, die ebenfalls lächerlich aussahen, aber wiederum mich zum Lachen brachten. 

Manchmal wenn ich nun am Abend nach der Arbeit am See in Zürich sitze, wünsche ich mir, dass ich die Zeichenstifte mitgenommen hätte. Ich sehne mich nach diesem Verschwinden im Jetzt, das ich am Strand und in Athen erreichte. Einem Flowzustand, der in einem Punkt aber anders ist, als er in der Forschung beschrieben wird.

Flow, so heisst es immer, entstehe, wenn Anforderung und Können sich ungefähr entsprechen – wenn man eine Tätigkeit so sicher beherrscht, dass man aufhört, sich bei ihr selbst zu beobachten. Im Umkehrschluss: Wer ganz neu anfängt, womöglich sogar unbegabt ist, sollte eigentlich keinen Flow erreichen.

Aber das Surfen, das Zeichnen, sie haben mir gezeigt, dass es auch anders geht. Vielleicht, dass es für mich vor allem anders geht. Indem ich von Anfang an ablehne, dass ich die Tätigkeit können muss, sie vielleicht gar nicht wirklich können will, bringe ich mich selbst zum Verschwinden. Ich beobachte mich nicht mehr und kann so in der Unfähigkeit glücklich werden.

Vielleicht soll man nicht in allem besser werden. Sondern den Mut haben, schlecht zu bleiben, das Nichtbeherrschen zu akzeptieren, das Niegutwerden zu pflegen.

Das klingt jetzt esoterischer, als ich es mir vorgenommen hatte.

Aber so fängt dieser Blog nun an. Nichtperfekt, aber irgendwann muss man loslegen.

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