Der Satz ist eine Art Geständnis. Sie sagten ihn fast alle. Immer mit Bedauern und Scham. Der Satz geht so: «Wir dachten, bei uns könne das nicht passieren.»
So dachten die Venezolanerin, die Türkin, der Ungar oder der Amerikaner. Ja, natürlich verschwindet die Demokratie in anderen Ländern. Aber doch nicht bei uns. Sie irrten sich alle.
Es geschah ja auch nicht an einem Tag. Demokratien gehen heute nicht mehr in einem Putsch unter. Forscher sind sich einig: Demokratien sterben, weil ihre Gegner sie langsam abtragen. In kleinsten Schritten, die einzeln womöglich gar nicht so bedrohlich wirken. Zusammengenommen ergeben sie ein Drehbuch, mit dem sich eine Demokratie in eine Autokratie verwandeln lässt.
In immer mehr Ländern folgen autoritäre Machthaber dieser Anleitung. Nicht immer ist das sogleich zu erkennen. Und so hört man den Satz heute dort, wo man es nicht für möglich gehalten hätte. Von Indern. Von Israeli. Und sogar die Amerikaner in der ältesten Demokratie der Welt beschwören ihn: Doch nicht bei uns!
Woran aber erkennt man, dass es tatsächlich passiert? Und wie schlimm wird es werden? Wen wird es treffen, wenn demokratische Rechte beschnitten werden? Wie lange soll man kämpfen – und wann ist es Zeit zu fliehen?
Es gibt darauf keine eindeutigen Antworten. Aber es gibt Menschen, die erlebt haben, wie die Demokratie schwindet. Sechs von ihnen haben uns ihre Geschichten erzählt.
Wen trifft es? Alle
Eine unwahrscheinlichere Staatsfeindin kann man sich nicht vorstellen. Eser Öykü Dede, 48 Jahre alt, ist eine leise, zierliche Frau. Erzählt sie von ihrem Traum, lächelt sie. Weil er wahr wurde und sie ihn leben durfte. Bis man ihn zerstörte.
Wenn Dede Klavier spielte, gab es die Welt draussen nicht mehr. Sie vergass alles um sich: wer ins Zimmer kam, ob das Telefon klingelte, die Politik sowieso. War sie an einem Konzert, hielt die Zeit an. «Es hatte etwas Magisches.» Musik war ihre Wirklichkeit. Alles andere war weit weg.
Eser Öykü Dede wurde 1977 in Istanbul geboren und wuchs in Izmir am Mittelmeer auf. Das Leben war leicht und einfach und warm. «Wir konnten draussen spielen, es war sicher. Und ich hatte einen grossen Wunsch: Klavier zu spielen.»
Einmal kam ein Pianospieler in Dedes Schule und brachte ein elektronisches Keyboard mit. «Alle stellten sich in eine Schlange, um auf dem Piano zu spielen. Ich stand auch an. Aber ich war zu schüchtern und kam nie an die Reihe.»
Wie jemand, der später vom Staat verfolgt werden sollte, klingt das nicht.
Am Ende ihrer Grundschulzeit rieten Opernsänger aus Izmir Dedes Eltern, die Tochter ans Konservatorium zu schicken. Sie sei talentiert. Dede bewarb sich, machte die Aufnahmeprüfung im Fach Klavier – und wurde genommen.
«Eine Ausbildung am Konservatorium fühlt sich an wie das Fahren mit einem Fahrrad, das ein bisschen zu gross ist – anstrengend, aber genau so wächst man», sagt Dede.
Aus der Studentin wurde später eine Dozentin, die selber junge Pianisten ausbildete. Dede war eine besondere Lehrerin. «Es war nicht einfach ein Job. Es hat mich zu dem Menschen geformt, der ich bin.» Dede lehrte ihre Schüler, wie man ein Instrument spielt. Aber wichtiger war: «Ich erinnerte meine Studenten daran, sich mit der Musik zu verbinden und ihre Schönheit nicht aus den Augen zu verlieren. Selbst mitten im Ringen um Perfektion.»
17 Jahre lang unterrichtete Eser Öykü Dede am Konservatorium der Anadolu-Universität in Eskisehir, einer Studentenstadt im Westen der Türkei. Zusammen mit Freunden legte sie auf dem Campus einen Gemüsegarten an und stellte im Büro die Schubkarre gleich neben ihr Klavier. Abends traf sie sich oft mit Kollegen am Fluss.
Dede unterrichtete 20 Stunden pro Woche, war Teil eines Kammermusik-Trios und reichte schliesslich einen Antrag auf eine Assistenzprofessur ein. Es war ein glückliches Leben, eines mit Zukunft. Aber auch ein weltfernes. Dede sagt: «Ich verbrachte viel Zeit damit, Klavier zu spielen, und war spät dran, die Realität meines Landes wahrzunehmen.»
So sah die Türkei aus, in der Dede lebte: Erdogan hatte das Land seit fast zwanzig Jahren umgebaut, zuerst als Ministerpräsident, dann als Präsident mit immer härterem Kurs. Er schrieb die Verfassung um, schränkte die Justiz ein, verbot Medien, liess Gegner verfolgen und Proteste niederschlagen. Aber was Erdogan auch immer tat: Dede betraf es nie. Sie sagt, sie habe schon gewusst, dass nicht alle Volksgruppen in der Türkei frei lebten. «Ich habe deshalb immer gezögert zu sagen, dass ich Freiheit lebe.»
Das Konservatorium schirmte Dede lange ab. Erst als sie mehr mit Menschen ausserhalb in Kontakt kam, fing sie an zu verstehen, dass sie durch ihre Ausbildung einen Teil der Welt ausklammerte. Dede begann zu lesen. «Ich lernte, so viel ich konnte, um die Lücken zu füllen.» Der politischste Schritt, den sie je getan hatte, war der Beitritt zu einer progressiven Gewerkschaft für Lehrkräfte. «Ich habe immer stark auf Ungerechtigkeit reagiert. Aber ich hätte mich deswegen nicht als politisch aktiv bezeichnet.»
Im Januar 2016 wehrte sie sich zum ersten Mal. «Was im Südosten der Türkei geschah, schockierte mein Gerechtigkeitsgefühl.» Es waren die Militäroperationen gegen kurdische Städte und Menschenrechtsverletzungen, die sie aufwühlten. Damals veröffentlichten 1128 Akademikerinnen und Akademiker eine Petition mit dem Titel «Wir werden nicht Teil dieses Verbrechens sein».
Eser Öykü Dede sah die Petition auf Twitter. Und tat nichts Spektakuläres. Sie unterschrieb. Wie es vor ihr schon 1000 andere Unterzeichner gemacht hatten.
Die Unterschrift machte sie zur Feindin des Staates. Obwohl die Petition rechtlich bedeutungslos und politisch aussichtslos war. Präsident Erdogan bezeichnete die Unterzeichner als «Verräter» und «dunkle Gestalten», die man juristisch verfolgen müsse.
Die Universitätsführung in Eskisehir leitete eine Untersuchung gegen Dede und weitere Unterstützer der Petition ein, liess sie vorerst aber weiterhin unterrichten. «Mein Antrag auf eine Assistenzprofessur wurde annulliert, und ich erlebte Mobbing.»
Wenige Monate später kam es in der Türkei zu einem Putschversuch. Teile des Militärs versuchten, Erdogan zu stürzen. Nach einer Nacht endete der Staatsstreich erfolglos. Für Dede allerdings hatte er Folgen: «Nach dem gescheiterten Putsch landeten unsere Namen auf Listen angeblicher Putschunterstützer – dabei hatten wir damit überhaupt nichts zu tun.»
Mehr als 2000 Akademikerinnen und Akademiker hatten die Friedenspetition unterschrieben, etwa 400 von ihnen wurden entlassen. Dede war eine der Entlassenen. Willkür ist das Prinzip autoritärer Systeme. Sie lässt niemanden wissen, warum es den einen trifft und den anderen nicht. Klar ist nur, dass es jeden treffen kann.
Am Abend der Entlassung kamen zwei Freundinnen zu Dede nach Hause, um sie zu trösten. «Ich hatte versucht, mich mental auf die Freistellung vorzubereiten. Und trotzdem war sie ein Schock.» Am nächsten Tag musste Dede ihren Universitätsausweis und den Arbeitslaptop zurückgeben. Das Universitäts-E-Mail-Konto wurde geschlossen. Bis heute hat sie keinen Zugriff auf alte Korrespondenz.
Zudem verlor sie in jenen Tagen ihren Pass und konnte nicht mehr ins Ausland reisen. Es dauerte sieben Jahre, bis die Behörden ihr einen neuen ausstellten.
Am schwersten aber wog die Zukunftsangst: «Ich wusste nicht, wie ich ausserhalb meines Berufs leben sollte – es war eine existenzielle Sorge.» Kurz dachte Dede daran, in einem anderen Land neu anzufangen, aber ihr Vater war gerade gestorben, und sie wollte ihre Mutter nicht alleinlassen. «Um auszuwandern, fehlte mir die Kraft.»
Gleichzeitig geschah etwas, das Dede nicht erwartet hatte: Dede wurde einsam. «Einige Freundschaften blieben, doch die meisten Kollegen distanzierten sich. Aus Angst, wie ich glaube.»
Dede entschied sich, in Sirince, einem Ort in der Nähe ihrer Kindheitsstadt Izmir, neu anzufangen. In den sozialen Netzwerken stiess sie auf eine Anzeige: In einem Keramikatelier suchten sie jemanden. Dede bewarb sich und durfte nach drei Monaten Probezeit bleiben. Das Leben in Sirince fühlte sich an wie in einer anderen Welt. Das Atelier fand Dede wunderbar. «Aber oft habe ich das Gefühl, nicht dort zu sein, wo ich eigentlich hingehöre, weil ich meinen ursprünglichen Beruf nicht ausüben darf.»
Im Dorf Sirince gibt es in der Bibliothek ein Klavier, dort gab Dede manchmal Konzerte. Aber sie vermisst ihr altes Leben an der Universität: «Das Konservatorium hatte eine einzigartige Atmosphäre. Leider habe ich noch nichts gefunden, was es ersetzen könnte.»
Vor kurzem gab Dede ihre Arbeit im Atelier auf. Wie es weitergeht, weiss sie nicht. Sie macht noch Musik, übt aber nicht mehr regelmässig. «Unter diesen Umständen ist es sehr schwierig, Pläne zu machen. Ich bin festgefahren, hoffe aber, es ist nur vorübergehend.»
Eine Gewerkschaft und ein Anwalt stehen Dede zur Seite, damit sie vielleicht doch noch eines Tages vor Gericht recht bekommt und die Kündigung zurückgenommen wird. Aber acht Jahre sind seither vergangen. Die Hoffnung ist klein geworden. «Ich bin entmutigt und müde», sagt Dede.
Wenn es genügt, eine harmlose Petition zu unterschreiben, um verfolgt zu werden, dann ist niemand mehr sicher. Das ist Dedes Lektion. Die Frage ist dann nur noch, wie weit der autoritäre Staat geht, um Gehorsam einzufordern.
Wie brutal wird es? Sehr!
Den Namen, der auf dem Handybildschirm erscheint, kennen in Venezuela alle. Afiuni. María Lourdes Afiuni war Richterin und wurde dann zur Gefangenen. Heute ist sie ein Symbol für die Brutalität des Systems und ihr Name eine Warnung. In Venezuela reden sie vom Afiuni-Effekt.
Die Verbindung im Video-Call sollte eigentlich schon lange hergestellt sein, aber da ist keine María Lourdes Afiuni, kein Bild, kein Ton, später werden wir Witze reissen, dass sich vermutlich zuerst der Geheimdienst in den Call einwählen musste. Witze, die in Venezuela bitterer Ernst sind.
Mit Afiuni zu reden, ist einfach und kompliziert zugleich. Afiuni ist Journalisten gewohnt. Eigentlich. Ihr Fall hat Juristen und NGO auf der ganzen Welt beschäftigt. Der amerikanische Philosoph Noam Chomsky hat sich für sie eingesetzt. Auf die Anfrage hat sie sofort reagiert.
Aber dann sagt sie gleich zu Beginn: «Ich bin zwar offiziell nicht unter Hausarrest. Aber sie haben mich gewarnt. Wenn ich über meinen Fall rede, passiert etwas.»
Die Drohung klingt abstrakt. Aber nach all dem, was passiert ist, braucht es nicht mehr. Wenige Worte reichen für grosse Angst.
Ein Interview, aus dem wir zitieren dürfen, ist nicht möglich. Aber bevor ihr das Regime verboten hat, über ihren Fall zu reden, hat Afiuni zahlreiche Interviews gegeben. Ein Journalist hat ihre Geschichte in einem Buch aufgeschrieben. Später, als ihr das Reden verboten wurde, sass ihr Bruder bei Interviews neben ihr und redete, während sie schwieg. Auch ihr Anwalt und andere Juristen, die aus Venezuela geflohen sind, haben über Afiunis Fall geredet. All diese Quellen zusammen erlauben, dass sich Afiunis Geschichte trotzdem erzählen lässt.
María Lourdes Afiuni, 62 Jahre alt, grosse, müde Augen, hat sich nie als politische Person verstanden. Sie war Staatsanwältin, bei der Kriminalpolizei angestellt und liebte ihre Arbeit. Damals vor der Jahrtausendwende war Venezuela eine Demokratie, eine vergleichsweise stabile in Südamerika. Als Hugo Chávez 1998 zum Präsidenten gewählt wurde, beunruhigte das Afiuni nicht. Es gab Gewaltenteilung, die Justiz war unabhängig, Afiuni spürte dies in ihrer Arbeit, bei der sie den Staat vertrat und nicht automatisch darauf zählen konnte, dass die Richter ihr recht gaben.
2002 wurde Afiuni selbst Richterin. Sie glaubte, dass die Justiz sich aus den ideologischen Kämpfen der Politik würde heraushalten können. Afiuni weiss, dass das heute naiv klingt.
Aber 2002 kam es zu einem Putschversuch gegen Chávez; die drei Anführer, Militärs, wurden vom Obersten Gerichtshof freigesprochen. War das nicht ein Zeichen, dass Chávez’ Macht Grenzen kannte?
Es gibt, so hat Afiuni das einmal erzählt, nicht einen einzelnen Moment, in dem sich das geändert hatte. Natürlich war da die Justizreform von Hugo Chávez 2004. Aber auch diese schien eigentlich zu Beginn Gutes zu bringen. Die Gerichte waren überlastet – Chávez versprach mehr Richter, mehr Macht für die Gerichte, Afiuni hatte Hoffnung. Aber dann wurde klar, wer auf die neuen Richterposten berufen wurde: Anhänger von Chávez, die keine Ahnung von der Juristerei hatten.
Nach und nach zogen sich die anderen Richter zurück, man sprach nicht mehr mit Kollegen über die Fälle. Erliess ein Richter ein Urteil, das offensichtlich falsch und parteiisch war, wusste man: Ein weiterer Richter hatte «aufgegeben». Wenn ein Richter zurücktrat oder pensioniert wurde, folgten solche nach, die keinerlei Qualifikation hatten, aber von denen das Regime wusste, dass sie loyal waren.
Wieso die anderen sich angepasst haben? Afiunis Erklärung: Geld. Nicht dass man sie direkt gekauft hätte. Aber die Abmachung war: Wenn du in diesem Fall so urteilst, wie wir das wollen, dann kannst du in anderen Fällen etwas verdienen, und wir lassen dich in Ruhe. Ein Deal wie mit der Mafia.
Afiuni versuchte, sich davon fernzuhalten. Sie will nie ein Urteil aus politischen Gründen gefällt haben. Aber naiv sei sie nicht gewesen. Natürlich habe sie gewusst, dass die Regeln auch für sie gälten. Später wird sie sagen: «Ich dachte einfach nicht, dass sie so weit gehen würden.»
Afiuni rechnete mit Konsequenzen, wenn sie nicht im Sinn des Regimes urteilen würde. Eine Rüge, Entlassung, vielleicht eine kurze Verhaftung sogar. «Aber was sie mit mir machten, das konnte ich mir nicht vorstellen.»
Nicht nur Afiuni. Auch sonst konnte sich niemand vorstellen, wie weit das Regime gehen würde, um an einer Richterin, keiner besonders prominenten, ein Exempel zu statuieren.
Der Fall, der den Namen Afiuni zu einem Symbol für die Grausamkeit von Chávez machen würde, war unkompliziert. Der Banker Eligio Cedeño sass bereits seit zwei Jahren in Untersuchungshaft. Chávez und die Staatsanwaltschaft warfen ihm Schmuggel und Devisenbetrug vor, Cedeño selbst behauptete, er werde politisch verfolgt, weil er die Opposition unterstützt hatte. Am 10. Dezember 2009 urteilte die Richterin Afiuni, dass Cedeño vorläufig aus der Untersuchungshaft entlassen werden müsse. 15 Minuten später wurde Afiuni in Handschellen aus ihrem Gerichtssaal geführt.
In einem Fernsehauftritt erklärte Hugo Chávez, dass Afiuni eine korrupte Richterin sei. Cedeño habe sie bestochen, deswegen habe sie ihn freigelassen. Sie sei eine Banditin, und in Zeiten Simon Bolívars, des mystischen Unabhängigkeitskämpfers, auf den sich Chávez immer berief, hätte er sie eigenhändig erschossen. Und er sagte, Afiuni verdiene 30 Jahre Gefängnis.
Afiuni sah Chávez’ Rede nicht live. Der Chef der Sicherheitskräfte, die sie festgenommen hatten, zeigte ihr die Aufnahme. «Ich konnte es nicht glauben. Ich sagte, das ist absolut wahnsinnig. Woher hat dieser Mann das?»
Afiuni glaubte zu jenem Zeitpunkt noch, dass sie vielleicht einen fairen Prozess bekommen würde. Schliesslich hatte sie nichts Unrechtes getan, sondern einfach ihren Job erledigt. Sogar die Uno hatte sich zum Fall Cedeño geäussert.
Dem Richter, der Afiuni in Untersuchungshaft steckte, war das egal. Es war einer der Chávez-Hörigen. «Keine Qualifikation, gar nichts», sagt Afiuni.
Afiuni sagte einmal, sie habe gewusst, wie brutal das Regime gegen politische Gegner vorgehe. «In einem autoritären Regime gibt es das immer.» Aber nie zuvor hatte es in Venezuela eine Richterin getroffen.
Afiuni wird zwei Jahre ohne Verurteilung in Untersuchungshaft bleiben. In einem Gefängnis für Frauen. 24 Mithäftlinge kannte die Richterin bereits. Sie hatte sie wegen Kindermord, Raubüberfall und Drogenhandel selbst zu Gefängnisstrafen verurteilt.
Afiuni wird später erzählen, dass keine Woche vergangen sei, in der sie nicht bedroht, mit Messern attackiert oder sexuell missbraucht worden sei. Die Mitinsassen hatten den Schlüssel zu ihrer Zelle. «Mehr als einmal wachte ich auf, weil jemand auf mir lag», wird sie später einem Journalisten erzählen. Afiunis Gesundheit verschlechterte sich, nach zwei Jahren wurde sie für eine Krebsbehandlung in ein Krankenhaus eingewiesen und anschliessend unter Hausarrest gestellt.
Später wird Afiuni von den Jahren im Gefängnis einem Journalisten berichten, der die Tortur in einem Buch niederschreibt. Afiuni erzählt darin, wie sie gefoltert und vergewaltigt wurde, schwanger wurde und schliesslich abtreiben musste. «Sie entfernten meine Gebärmutter, weil sie zerstört war. Aber das reichte ihnen nicht. Sie zerstörten meine Blase, meine Vagina, meinen Anus. Was von mir übrig ist, ist eine Rekonstruktion.»
Der Prozess, bei dem Afiuni schliesslich zu fünf Jahren Haft verurteilt wird, verzögert sich auch wegen unzähliger juristischer Kämpfe jahrelang. Währenddessen beschiessen Unbekannte Afiunis Haus. Das Land verlassen darf sie nicht.
2019 fällte ein Gericht schliesslich das Urteil. Schuldig, auch wenn die Ankläger keine Beweise dafür fanden, dass Afiuni sich 2009 von Cedeño bestechen liess. Erneutes Gefängnis blieb Afiuni nach einer Einsprache erspart. Ausreisen oder sich zu ihrem Fall äussern durfte sie aber nicht. 2022 verweigerte die Regierung ihr sogar die Ausreise für einen Check-up zu einer Chemotherapie.
In Venezuela nennen sie Afiuni auch Chávez’ persönliche Gefangene. Ihr Schicksal ist eine Warnung. Eine Warnung, die alle in Venezuela verstanden haben: Wenn du dich widersetzt, wird dir Schreckliches widerfahren. Schlimmer als der Tod.
In Venezuela hat sich seither kein Richter mehr der Regierung widersetzt. Das ist der Afiuni-Effekt.
Afiuni hat heute viel Zeit. Sie beobachtet die Weltpolitik. Auf X und Instagram postet und teilt sie jeden Tag Dutzende Artikel. Afiuni verbreitet die Worte anderer weiter, weil ihr die eigene Stimme genommen worden ist.
Wenn sie könnte, würde sie fliehen. Aber ihre Eltern sind hier. Sie sind alt, jemand muss sich kümmern. Das Land dürfte sie aber sowieso nicht verlassen. Afiuni steht zwar nicht mehr unter Hausarrest. Aber sie darf nicht reisen. Und sie darf nicht arbeiten. Vor ein paar Jahren versuchte sie das Haus zu verkaufen. Als die Käufer ihren Namen hörten, platzte der Deal. «Mein Dasein, es ist praktisch ein ziviler Tod.»
Die Brutalität, mit der der autoritäre Staat gegen jemanden vorgeht, der sich widersetzt, kennt keine Grenzen. Das ist Afiunis Lektion. Viele Venezolaner verstanden sie – und flohen aus dem Land.
Wann muss man gehen? Solange man noch kann
Albert Wan und seine Frau Jenny warteten ein paar Monate. Und dann nochmals ein paar Monate. Es würde bald besser werden, redeten sie sich ein. Sie irrten sich. Als es nicht besser wurde, sassen sie wieder in ihrer Universitätswohnung am Stadtrand von Hongkong und sprachen erneut miteinander. Die beiden Kinder waren schon im Bett. Da entschieden sie: Jetzt ist es so weit. Es geht nicht mehr. Wir verlassen die Stadt.
Noch war ihnen nichts passiert. Aber das Gefühl, dass etwas passieren könnte, wurde stärker. Freunde waren verhaftet worden, immer häufiger fürchteten Albert und Jenny, dass sie etwas Falsches sagen könnten. Oder dass ein Buch in Alberts Laden zu einem Problem wird.
Im August 2021 schloss Albert Wan seine Buchhandlung im 27. Stock eines Hongkonger Bürogebäudes für immer.
Wan hatte einen Grundsatz: Ein Buchladen, in dem man Bücher aussortieren müsste, nur weil sie der chinesischen Regierung nicht gefielen, wäre keiner mehr. Er fürchtete diesen Moment der Selbstzensur, aber wusste auch: «Irgendwann würde dieser Moment kommen – und deshalb mussten wir vorher gehen.»
Manchmal muss man gar nicht warten, bis die Polizei an die Tür klopft. Manchmal erledigt man die Zensur selbst. Dass dieser Gedanke überhaupt in seinen Kopf gelangt war, erschreckte Wan am meisten.
Was hatte die Zeit in Hongkong mit ihm gemacht?
Seit vier Jahren leben Albert Wan, 46 Jahre alt, und seine Familie in den USA, in New York. Es ist eine Rückkehr. Wan ist gebürtiger Amerikaner. Wenn er über Hongkong spricht, beginnt er irgendwann zu weinen. Wan konnte gehen, als es ihm zu gefährlich wurde. Aber was ist mit allen anderen, die bleiben mussten?
Albert Wan war früher einmal Anwalt. In Atlanta hatte er eine eigene Kanzlei mit Spezialgebiet Bürgerrechte und Polizeigewalt. Regelmässig besuchte er Gefangene im Gefängnis.
Damals verteidigte er Menschen, die von der Polizei verfolgt wurden. Jahre später erlebte er in Hongkong, wie schnell man selber unter Beobachtung des Staates geraten konnte.
2016 bekam seine Frau Jenny, eine Historikerin, ein Jobangebot als Professorin an einer Hongkonger Universität. Jenny und Albert waren damals in Atlanta nicht mehr glücklich. «Zu der Zeit gab es viele Amokläufe an amerikanischen Schulen», sagt Wan, «wir hatten zwei kleine Kinder und hatten Angst, sie hier in den Unterricht zu schicken. In Bezug auf Kriminalität galt Hongkong als sehr sicher, viel sicherer als die USA.»
Es ist eine teuer erkaufte Sicherheit. Aber das sollte Wan erst später richtig verstehen.
Hongkong war keine unbekannte Stadt für Wan. Seine Eltern waren in den 1970er Jahren von dort nach New York eingewandert, um zu studieren. Später führten sie ein Immobiliengeschäft im Stadtteil Queens. Wan wuchs zweisprachig auf, Englisch und Kantonesisch.
Als Wan seinen Eltern erzählte, er werde mit seiner Familie nach Hongkong auswandern, freuten sie sich. Sie wussten zwar, dass sich die Stadt seit der Rückgabe an China 1997 verändert hatte. «Aber weder mein Vater noch meine Mutter sind sehr politisch. Es würde uns dort gutgehen, dachten sie.»
Über das, was sich in der Stadt seit einigen Jahren regte, die wachsenden Spannungen und die Proteste, sprachen sie kaum. Hongkong war ein Ort, wo man gute Geschäfte machen konnte.
Einen Monat bevor Wan und seine Familie aufbrachen, war Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten gewählt worden. «Wir mochten ihn nicht. Ein Grund mehr für uns, die USA zu verlassen.» Im Dezember 2016 kamen sie in Hongkong an.
Für Wan begann nicht nur ein neues Leben, sondern auch ein neuer Beruf. Er erstellte eine Facebook-Seite, kaufte gebrauchte englische Bücher und verkaufte sie auf kleinen Märkten. Später mietete er einen Laden in einem Bürohochhaus im Stadtteil San Po Kong und nannte ihn Bleak House nach einem Roman von Charles Dickens. Bleak House hatte alles im Angebot: Kochbücher, Romane, Sachbücher, Bücher über Politik.
Das Leben war gut, die Familie lebte in einer grossen Universitätswohnung in einer ruhigen Gegend, hatte eine Hausangestellte, die kochte, putzte, einkaufte und die Kinder betreute. «Jenny und ich lebten wie die meisten Hongkonger: Wir standen auf, arbeiteten lange, kamen spät heim und assen. Politik stand nicht im Mittelpunkt unseres Lebens.»
Das änderte sich im Juni 2019, als die Proteste gegen das sogenannte Auslieferungsgesetz begannen. Hunderttausende gingen auf die Strasse, aus Sorge, dass Kritiker der Regierung künftig in Festlandchina vor Gericht gestellt werden könnten. Die Hongkonger hatten Angst, dass sie ihre Freiheit und die eigene Rechtsordnung verlieren könnten.
Es waren die grössten Demonstrationen in der Stadt seit Jahrzehnten. Und Wan war Teil davon. Er marschierte mit, postete seine Meinung in sozialen Netzwerken und machte seinen Laden zu einem Treffpunkt der prodemokratischen Bewegung. An seinem Schaufenster klebte ein gelber Aufkleber – das Kennzeichen für Geschäfte, die auf der Seite der Protestierenden standen. «Ich war nur einer von vielen. Es war nicht besonders mutig.»
Wan konnte zusehen, wie die Repression in den nächsten Monaten zunahm: Anwälte und Journalisten wurden verhaftet, dann nahmen grosse Buchhandelsketten und Bibliotheken bestimmte Bücher aus den Regalen, vor allem solche, die die Proteste dokumentierten und kritisch über die Regierung schrieben. Wan ahnte: Er und Bleak House würden die Nächsten sein.
Er sagt: «Ich habe nie ein Buch aussortiert, solange wir den Laden hatten. Aber ich wusste, dass es so weit kommen würde.»
Eines Abends blätterten Jenny und Albert in den Schulbüchern ihrer Kinder. «Die Lehrmittel hatten sich verändert. Es war eine Art Gehirnwäsche in chinesisch-patriotischer Erziehung.» Das war nicht die Bildung, die sie für ihre Kinder wollten. Wenig später begann die Covid-Pandemie, und Hongkong reagierte mit einigen der härtesten Regeln der Welt.
Im Januar 2022 kehrten Jenny, Albert und die Kinder zurück in die USA. «Es war eine Prioritätenfrage: Wir haben unsere Familie über alles andere gestellt.» Er hoffe nicht, dass seine Hongkonger Freunde dächten, er habe sie im Stich gelassen. «Aber ganz sicher bin ich nicht», sagt er und beginnt zu weinen.
Etwas ausserhalb von New York eröffneten Albert und Jenny einen Buchladen mit dem gleichen Namen wie in Hongkong: Bleak House. «Wir wollten zeigen, dass es uns immer noch gibt. Sonst hätten sie gewonnen.»
Seit ein paar Monaten sieht Wan, «wie in den USA autoritäre Tendenzen immer mehr Einfluss gewinnen». Wie wenig Widerstand es dagegen gebe, sei entmutigend, sagt er. «Von einer diktatorischen Regierung wie in Peking erwartet man nichts anderes, als dass sie hart durchgreift. Das macht es nicht weniger traumatisch. Aber in einem Land wie den USA, wo die Demokratie das Leitprinzip sein sollte, ist es schwerer zu akzeptieren.»
Es ist nicht dasselbe wie in Hongkong, und doch spürt er eine Beklemmung, die ihn an damals erinnert. In Hongkong hörte er auf dieses Gefühl. Vielleicht auch, weil es nicht sein Heimatland war, das er aufgeben musste. Würde er in den USA ebenfalls erkennen, wann es Zeit wird zu gehen?
Wenn es gefährlich wird, Bücher zu verkaufen, sollte man gehen – es könnte sonst bald zu spät sein. Das ist Wans Lektion. In Hongkong musste man kein Genie sein, um die Gefahr zu erkennen; in einer eigentlich funktionierenden Demokratie hingegen . . .
Was schützt einen? Zum Beispiel Bekanntheit
Der Physikprofessor Ricardo Galvão, ein kleiner, zäher Mann mit grauem Schnauz, stand jeden Morgen früh auf und schaute zu seinen Bienen im Garten. Dann stieg er auf sein Velo und fuhr zur Arbeit. Mit über 70 hätte er schon längst aufhören können zu forschen. Aber die Bilder aus dem All liessen ihn nicht los. Galvão leitete das brasilianische Institut für Weltraumforschung INPE, ein Posten, der zu den bedeutendsten Wissenschaftsjobs der Welt gehört.
Es war dieser Job, der Galvão in einen Kampf um die Demokratie in Brasilien hineinziehen sollte, von dem er nie geglaubt hatte, dass er ihn würde führen müssen. «Ich hätte nicht gedacht, dass ich das kann», sagt Galvão. «Aber ich konnte es.»
Im Frühsommer 2019 schaute Galvão auf seinen Monitor mit den neusten Daten über das Amazonasgebiet. Das Institut für Weltraumforschung baut nicht nur Satelliten, es ist auch für die Überwachung des Regenwaldes zuständig und dokumentiert die Abholzung. Die Zahlen für den Juni zeigten: Die Rodungen hatten stark zugenommen, fast 1000 Quadratkilometer Regenwald waren verlorengegangen, 88 Prozent mehr als im gleichen Monat des Vorjahres.
Galvão wusste: Die Zahlen würden dem neuen Präsidenten Jair Bolsonaro nicht gefallen. Nicht weil er sich Sorgen um den Wald machte. Sondern weil er diese Nachrichten nicht gebrauchen konnte.
Schon bevor Bolsonaro Anfang 2019 Präsident geworden sei, habe er gesagt, es gebe keine globale Erwärmung und die Abholzung im Amazonasregenwald sei gar nicht so gross, erinnert sich Galvão. Er habe geahnt, dass das Institut mit ihm als Präsidenten Ärger bekommen werde.
«Aber ich hatte nicht geglaubt, dass Bolsonaro sich trauen würde, so weit zu gehen.» Was am 19. Juli 2019 passiert sei, werde er nie vergessen. «Ich werde es ins Grab mitnehmen», sagt Galvão.
An jenem Tag sass er in einem Seminarraum an der Universität in Niterói, auf der anderen Seite der Bucht von Rio de Janeiro. Neben seiner Aufgabe als Leiter der Weltraumbehörde war Galvão auch Mitglied in Kommissionen von Doktorarbeiten.
Nachdem er den ganzen Tag Doktorprüfungen abgenommen hatte, kam ein Student auf ihn zu und fragte: «Professor, was sagen Sie zu den Worten des Präsidenten?» «Welche Worte?», fragte Galvão. Da zeigte ihm der Student einen Medienbericht: «Ich fiel fast in Ohnmacht.»
Der Artikel handelte von einer Pressekonferenz, an der Bolsonaro gesagt hatte: «Ich bin überzeugt, dass die Daten gefälscht sind. Ich habe nachfragen lassen, wer der Mann ist, der dahintersteckt. Es scheint, dass er im Dienste einer linken NGO steht.» Bolsonaro sprach über ihn, über Galvão.
Es war der denkbar schwerste Vorwurf: Galvão wurde angeschwärzt als politischer Aktivist, der Daten fälscht.
Galvão stammt aus einer alten brasilianischen Wissenschafterfamilie. Schon sein Grossvater war Lehrer an einer technischen Hochschule, sein Vater arbeitete als Ingenieur bei Erdölkonzernen. Als 16-Jähriger bekam er ein Buch des Wissenschafters George Gamow geschenkt, der zu den Begründern der Urknalltheorie gehörte. Galvão verstand nicht alles, was darin stand, wusste aber schon damals, dass er Physiker werden wollte.
Besonders politisch war er als junger Mann nicht. Er war aber beeindruckt von der Befreiungstheologie, einer Bewegung in der Kirche, die sich auf die Seite der Armen stellte und soziale Gerechtigkeit forderte.
Galvão bezeichnet sich als Mitte-Sozialisten. «Ich war immer überzeugt, dass Fragen wie Bildung, Gesundheit oder Wohnen im Kapitalismus nicht gelöst werden. Dafür braucht es einen sozialistischen Staat. Zugleich war mir klar, dass Industrie und Innovation in einem sozialistischen System kaum funktionieren. Also stand ich immer zwischen den beiden Welten.»
Seine Identität und sein ganzer Stolz kamen aus seiner Rolle als Wissenschafter. Es war so etwas wie das Familienerbe der Galvãos.
Als Galvão vom politischen Angriff des Präsidenten auf ihn erfuhr, tat er erst einmal nichts. Er wollte selber hören, was Bolsonaro gesagt hatte. Morgens um zwei Uhr sah er sich das Video der Pressekonferenz an. Gleich zweimal, um sicherzugehen, dass er Bolsonaros Worte richtig verstanden hatte. Am nächsten Tag gab Galvão ein Interview, in dem er sagte: «Ein Staatsoberhaupt kann nicht daherreden wie in einer Bar.»
Es war ein mutiger Satz, einer mit Folgen. «Ich wusste, wenn ich auf diese Weise antworte, werde ich entlassen. Aber ich musste eine starke Antwort geben.»
In diesem Moment begann ein Konflikt, der über Galvão hinausging. Es war der Beginn eines Kampfes um die Rolle der Wissenschaft in Brasiliens Demokratie.
Zwei Tage nach dem Interview setzte der zuständige Minister eine Untersuchungskommission ein, die Galvãos wissenschaftliches Leben durchleuchtete. Er erfuhr davon von einer Mitarbeiterin, die ihn anrief und warnte: «Professor, Ihr Telefon wird abgehört, und Ihre E-Mails werden gelesen. Leute vom Geheimdienst wollen etwas finden, was Sie falsch gemacht haben, damit Sie zurücktreten müssen.»
Sie fanden nichts – und entliessen Galvão trotzdem. Bolsonaro kürzte das Budget des Instituts für Weltraumforschung, baute Personal ab und setzte einen Oberst der Luftwaffe als neuen Direktor ein. «Einige alte Freunde aus dem Institut meldeten sich nicht mehr bei mir, weil sie Angst hatten. Andere riefen mich an, um zu gratulieren, dass ich mich gewehrt hatte.»
Galvão konnte sich den Kampf leisten. Kaum war er entlassen, klingelte das Telefon: Erst meldeten sich Wissenschaftskollegen aus Frankreich und stellten ihm die französische Staatsbürgerschaft in Aussicht; dann schrieb das Magazin «Nature» einen Artikel über ihn und wählte ihn zu einem der zehn herausragendsten Wissenschafter des Jahres 2019; schliesslich bot ihm das Institut für Physik der Universität São Paulo eine Stelle an.
Galvãos Name war zu gross, um ausgelöscht zu werden. Internationale Solidarität, Angebote aus dem Ausland, eine Professur in São Paulo – all das schützte ihn. Und doch blieb die Angst. Vor allem Galvãos Frau fürchtete sich: «Ich muss vorsichtig sein, was ich sage: Manche Leute in Brasilien erzählen, die Familie Bolsonaro habe Verbindungen zu bewaffneten Milizen. Beweisen kann ich das nicht. »
Nimm einen Politiker beim Wort, der verspricht, dass er alles umstürzen und die Institutionen niederreissen werde. Das ist Galvãos Lektion. Er konnte seine Integrität bewahren, auch weil Brasilien eine Demokratie blieb. Aber was, wenn die Autokratie über Jahre immer härter wird und ein Ende nicht absehbar ist?
Wie bleibt man moralisch sauber? Indem man Kompromisse nur eingeht, wenn sie nicht die eigenen Werte verraten
Wenn Gabor Miklosi davon erzählt, wie er für die Unabhängigkeit eines der letzten freien Medien Ungarns kämpfte, klingt er pedantisch. Ein Prinzipienreiter. Liegen Prinzipienreiter richtig, sind sie Helden, liegen sie falsch, blickt man auf sie wie auf Verrückte, die den Bezug zur Realität verloren haben. Was passierte, nachdem Miklosi den Kampf verloren hatte, gab ihm schliesslich recht. Das war gut für Miklosi, aber schlecht für die Demokratie.
Miklosi ist 55 und Journalist. Er sagt, er sei das eher zufällig geworden, aber so ganz zu stimmen scheint das nicht. Miklosi wuchs in einer ungarischen Dissidentenfamilie auf, zu Hause lief Radio Free Europe, und Miklosi las all die Bücher, die man als guter Kommunist nicht lesen sollte. Das Ende der Diktatur erlebte er als langersehnte Befreiung. Endlich frei denken, endlich frei sagen und schreiben, was man will. Da war Miklosi 20 Jahre alt.
Seine Karriere begann er für das Roma Press Center, das den Roma Ungarns eine Stimme geben wollte. Für einen Artikel über Racial Profiling versuchten er und ein Kollege auf dem Land in eine Diskothek zu gelangen. Miklosi durfte hinein, der Kollege nicht. Der Kollege war Rom. Der Artikel über die Diskriminierung brachte Miklosi den ersten Journalistenpreis ein.
Irgendwann wollte Miklosi nicht mehr nur über Minderheiten schreiben. 2008 wechselte er zu «Index», der damals innovativsten und aufsehenerregendsten Medienplattform Ungarns. «Ein Traumjob.»
Es war eine aufregende Zeit. 2008 waren Wahlen. Viktor Orban und seine Partei Fidesz waren auf Siegeskurs, die Vorgängerregierung hatte jegliches Vertrauen verspielt, die einzige Frage war, ob Orban eine Zweidrittelmehrheit erhalten würde. Dann könnten Orban und Fidesz die Verfassung ändern. Eine unglaubliche Macht, die missbraucht werden kann.
Miklosi schrieb damals einen Kommentar, der ihm den Ruf als Alarmist einbringen sollte. «Ich schrieb, dass die Vorgängerregierung zwar eine Katastrophe gewesen sei, aber dass man Orban nicht vertrauen dürfe. So viel Macht in den Händen eines Mannes, der von der Macht besessen war, war gefährlich. Und um eine Supermehrheit zu verhindern, würde ich meine Stimme den Sozialisten geben, auch wenn ich mir dabei die Nase würde zuhalten müssen.»
Dass Miklosi sich Orban-kritisch äusserte, war kein Problem auf der Redaktion. Im Gegenteil, «Index» war nicht auf der Linie des nationalkonservativen Fidesz, sondern liberal und progressiv. Aber in der Redaktion spotteten sie über Miklosi. Sie nannten ihn einen typischen linken Liberalen, der immer sofort «Faschisten!» schreie. «Leider habe ich recht behalten.»
Dass Orban seine Macht gnadenlos ausnutzen würde, zeigte sich schnell. Schon im ersten Jahr verabschiedete das Parlament unter seiner Anleitung eine Verfassungsänderung, die den Fidesz bei künftigen Wahlen bevorteilte und bis heute an der Macht hält.
In den Jahren, die folgten, veränderte sich das politische Klima in Ungarn. Die Staatsmedien wurden praktisch gleichgeschaltet. Regierungsnahe Geschäftsleute kauften Zeitungen und Fernsehstationen auf und wechselten dort die Journalisten aus, 2015 kam die Flüchtlingskrise, Orban machte Ungarn zum Bollwerk gegen Immigranten. Miklosi erinnert sich, wie dies das Land in zwei Lager teilte. «Plötzlich galt: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.»
Auf der Redaktion von «Index» spürte man, dass eine neue Zeit angebrochen war. Bereits 2011 trat aus dem Nichts der Chefredaktor zurück. Zuvor war bereits ein erfolgreicher Meinungsjournalist, der Orban-kritisch war, entlassen worden. «Oder er ging selbst. Man hat die ganze Geschichte nie wirklich erfahren. Auch nicht, was die Gründe waren. Das war ein Alarmzeichen. Wenn in einer Redaktion, die Transparenz herstellen soll, plötzlich Intransparenz herrscht, hat man ein Problem.»
Die Besitzstruktur von «Index» sei immer problematisch gewesen, erinnert sich Miklosi. In jenen Jahren gehörte die Medienplattform einem Geschäftsmann, der auch eine Bank besessen habe. Nach der Finanzkrise erhielt er Unterstützung von Ungarns Regierung – was diese wiederum nutzte, um Druck auszuüben.
«Bereits geschriebene Artikel wurden nicht publiziert, Titel wurden plötzlich geändert. Und es wurden Fragen gestellt, die zuvor nicht gestellt worden waren. ‹Wer hat dir die Idee gegeben, diese Artikel zu schreiben›, und so ähnlich.»
Nachdem der Chefredaktor aus dem Nichts gegangen war, wurde dem Rest der Redaktion klar, wie viel Druck dieser von seinen Redaktoren ferngehalten hatte. Aber dass er auch Zugeständnisse gemacht hatte.
Miklosi und seine Kollegen begannen die Fälle zu dokumentieren, in denen Artikel nicht publiziert oder verändert worden waren. Zum Beispiel Geschichten, die ein schiefes Licht auf einen Orban-nahen Geschäftsmann geworfen hätten. Immer wieder legten sie die Excel-Liste der Chefredaktion vor.
Der Druck nahm laufend zu. 2019 kaufte ein Geschäftsmann, der Orban sehr nahe stand, «Index». «Wir fühlten uns wie in einem militärischen Aussenposten. Du musstest immer die Flanken abdecken, die Linien geschlossen halten, bereit sein für den nächsten Angriff, der unweigerlich kam. Wir wussten, dass wir nicht ewig durchhalten würden.»
Dann machte ein neuer Chefredaktor Miklosi zu seinem Stellvertreter. Miklosis Job: die ethischen Prinzipien der Redaktion zu verteidigen. Miklosi sagt, er habe nie eine Management-Aufgabe gewollt. «Aber die Unabhängigkeit von ‹Index› zu verteidigen, war damals in Ungarn eine noble Sache. Wir hatten jeden Tag über eine Million Leser. ‹Index› war mächtig.»
Im Sommer 2019 kam es zum Machtkampf. Die Besitzer wollten die Startseite von «Index», eine der wichtigsten Seiten des ungarischen Internets, umgestalten.
Auf Index.hu publizierte die Redaktion damals nicht nur eigene Artikel, sie veröffentlichte auch ausgewählte Blogs – sofern sie journalistische Mindestkriterien erfüllten. Das Problem für «Index»: Die meisten Blogs waren regierungskritisch. Die Besitzer verlangten nun, dass Miklosi und seine Kollegen auch rechte Blogs auf Index.hu platzierten. «Ich sagte, okay, machen wir – wenn ihr uns auch nur einen rechten Blogger zeigen könnt, der die Qualitätskriterien erfüllt. Konnten sie nicht. Also sagten sie: ‹Dann publiziert ihr gar keine Blogs mehr.› Und ich sagte: ‹Das ist gegen unsere Redaktionstatuten. Wenn wir das tun, wird es heissen, dass wir Zensur betreiben würden.›»
Die Besitzer gaben klein bei. Aber sie verlangten vom Chefredaktor, dass er Miklosi entlässt. Miklosi wollte dem zuvorkommen. Also bot er seine Kündigung an. Aber das löste erneut Chaos aus. Der Chefredaktor befürchtete, dass dann die gesamte Geschichte an die Öffentlichkeit gelangen würde. «Plötzlich war die Frage: Schädige ich ‹Index›, wenn ich jetzt gehe? Und schädige ich damit auch die Pressefreiheit?»
Die Geschichte klingt für Miklosi, wenn er sie heute erzählt, irgendwie surreal. Wie ein Fiebertraum, den er selbst nur halb versteht. «Meine Kollegen sagten mir: Bleib! Wir dürfen nicht aufgeben – vielleicht sahen wir das zu streng.»
Ein halbes Jahr später kündigte Miklosi dann doch. Zusammen mit der gesamten Restredaktion. Sie kamen damit ihrer Auflösung zuvor. Die Besitzer wollten die widerspenstige Truppe zerschlagen und die Ressorts in verschiedene Subunternehmen ausgliedern.
Die kollektive Kündigung wurde in Ungarn als heroischer Akt gefeiert. Miklosi, der heute für «Partizan», ein liberales Youtube-Medium, arbeitet, versteht das, aber es ist ihm unangenehm. Es war nicht so, als ob sie eine Wahl gehabt hätten. «Index» war verloren, wer geblieben wäre, hätte seine Reputation aufs Spiel gesetzt. «Manchmal wird man unfreiwillig zum Helden.»
Wenn sich politische Macht und wirtschaftliche Interessen verbinden, ist man chancenlos. Das ist Miklosis Lektion. Aber ohne Kampf sollte man nicht aufgeben – manchmal gewinnt man am Schluss ja doch.
Wie gewinnt man? Mit Mut, Ausdauer und Verbündeten
Paulina Veloso kämpfte in Chile fünfzehn Jahre lang gegen die Diktatur. Sie leistete Widerstand gegen einen brutalen Diktator, der absoluter als Orban und Erdogan herrschte und seine Gegner brutaler verfolgte als Chávez. In Chile verschwand die Demokratie auch nicht schleichend, sondern plötzlich, an einem einzigen Tag in einem blutigen Putsch.
Eine Woche war seit dem Coup vergangen, als die Polizei das Elternhaus von Paulina Veloso durchsuchte, sich Veloso irgendwann in der Ecke eines Zimmers wiederfand und Maschinengewehre auf sich gerichtet sah. Eine 16-Jährige, die noch nicht ahnte, dass dieser Moment der Beginn einer Lebensaufgabe sein würde.
Paulina Veloso ist heute 68 Jahre alt. Als Augusto Pinochet in Chile 1973 den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende stürzte und die Demokratie abschaffte, war sie ein Teenager. Aber kein gewöhnlicher.
Veloso ist das dritte von fünf Kindern. Ihr Vater war Anwalt, Professor und Minister am Verfassungsgerichtshof. Ihre Mutter war Professorin für Philosophie. Die Velosos waren eine linke, sozialistische Familie, aber auch eine Familie der Oberschicht, die in bürgerlichen und rechten Kreisen Ansehen genoss.
Dass die Polizei das Haus der Velosos stürmte, lag nicht am sozialistischen Vater, sondern an den umtriebigen Töchtern. Veloso und ihre ältere Schwester waren in der Schülerorganisation des Gymnasiums aktiv, eine in Chile ungewöhnlich einflussreiche Gruppierung, die regelmässig am Ursprung politischer Proteste stand. Veloso war Präsidentin, ihre Schwester Generalsekretärin. Dem neuen rechten Regime waren die Schülerorganisationen ein Dorn im Auge.
Veloso erinnert sich, wie absurd das Verhör auf dem Polizeiposten gewesen sei. «Sie fragten nach Waffen, es war reinster Nonsens.» Dank ihrem Vater und seinen Richterkollegen kam sie nach einem Tag frei. Erst viel später sollte sie erfahren, vor welchem Schicksal sie das bewahrte.
Die Diktatur Pinochets war von Anfang an brutal. Das Militär forderte Gewerkschaftsführer und die Anführer von politischen Organisationen auf, sich zu stellen. Viele meldeten sich freiwillig, weil sie glaubten, dass sie nichts zu verbergen hätten. Auch Führer der Schülerorganisationen stellten sich.
«Wir waren unglaublich naiv. Wir dachten, sie würden sie verhören, und das war’s. Aber sie töteten sie. Schüler in meinem Alter. Viele verschwanden. Wir hörten nie mehr von ihnen. Wir erfuhren erst viel später, was mit ihnen geschehen war.»
Die Demokratie starb abrupt und unerwartet. Veloso erinnert sich noch genau an die Zeit vor dem Umsturz. Die Unruhe im Land, Hamsterkäufe, Landenteignungen und wie die Rechten den linken Präsidenten beschuldigten, die Demokratie abschaffen zu wollen. Doch niemand rechnete damit, dass es zu einem Coup kommen könnte. «In anderen südamerikanischen Ländern ja, aber nicht hier, bei uns, in Chile.»
Was folgte, war Angst und Terror. «Jeden Tag erfuhren wir von Freunden, die verhaftet wurden und nicht mehr auftauchten. Oder solchen, von denen man wusste, dass sie getötet worden waren. Die Städte wurden abgeriegelt, Parteien verboten, der Kongress aufgelöst. Niemand traute sich mehr, mit jemandem zu reden, den er nicht kannte.»
Was tut man als politischer Mensch in einem Moment, in dem einem die Freiheit genommen wird? Der Weg, den die Velosos beschreiten, ist kein gewöhnlicher, aber die Velosos sind auch keine gewöhnliche Familie. Für Paulina Veloso ist es wichtig, dies zu betonen. Sie möchte damit nicht ihre Leistung herausheben, sondern erklären, dass sie vielleicht auch mehr riskieren konnten, mehr riskieren mussten. Oberschicht, wohlhabend, respektiert. Daraus leiteten sie Verantwortungsgefühl ab.
Veloso sagt, dass sie zu Beginn gedacht hätten, die Diktatur werde nur kurz dauern. Dass sich die Leute wehren würden. «Eine Illusion, doch das wussten wir nicht.» Die von Pinochet bekämpften Sozialisten und Kommunisten entschieden, in den Untergrund zu gehen. Sich dort zu reorganisieren und gegen die Diktatur zu kämpfen. Veloso schloss sich ihnen, ohne zu zögern, an. Dann wurde sie ein zweites Mal verhaftet.
Veloso erinnert sich an eine Zeit extremer Angst. Sozialisten und Kommunisten verloren ihre komplette Führungsriege. «Die Armee ermordete sie.» Auch die Nachrückenden wurden ermordet. Und die dritte Generation ebenfalls.
Auch Velosos damaliger Freund Alexei wurde verhaftet. Er war Kommunist, aber auch Schweizer Doppelbürger. Nach seiner Freilassung beschloss seine Familie, dass er das Land verlassen sollte. Zwei Jahre später folgte ihm Veloso nach Genf.
In der Schweiz heirateten Paulina Veloso und Alexei. Sie war gerade 19 geworden. «Wir waren so jung, alles in unserem Leben geschah wegen der Diktatur so schnell.»
Nach zwei Jahren reiste Alexei nach Buenos Aires. Offiziell, um weitere Familienmitglieder in die Schweiz nachzuholen. Tatsächlich hatte die Kommunistische Partei in der argentinischen Hauptstadt ein Büro eröffnet. Sie hofften, dass Alexei dank seinem Schweizer Pass Geld von Argentinien nach Chile transportieren könnte. Veloso sollte Alexei nie mehr sehen.
Jahrzehnte später erst wird sie erfahren, dass der chilenische Geheimdienst Alexei in Buenos Aires entführt, in einem geheimen Lager gefoltert und dann hingerichtet hatte. Er war eines von mehreren hundert Opfern der sogenannten Operation Condor, bei der Geheimdienste rechter südamerikanischer Diktaturen mithilfe der USA linke Oppositionelle eliminierten.
Dass Alexei nie mehr zurückkehren würde, war Veloso nicht sofort klar. «Es gab damals schon diese Geschichten von anderen Vermissten. Aber wir konnten uns nicht vorstellen, dass sie für immer verschwunden bleiben würden.»
Im ersten Jahr nach der Entführung ihres Mannes startete Veloso eine Kampagne, um ihn wiederzufinden. Sie traf Politiker, suchte diplomatische Unterstützung, versuchte zu rekonstruieren, wo er in Buenos Aires wann verschwunden war, wen er getroffen hatte. «Man kann sein ganzes Leben mit der Suche verbringen. Seine Eltern haben sein Verschwinden nie ganz akzeptiert. Sie glaubten jahrzehntelang, Alexei werde plötzlich doch noch auftauchen.» Veloso erinnert sich an einen Moment, zwei Jahre nach Alexeis Verschwinden, zurück. «Ein kommunistischer Parteiführer sagte mir: ‹Du musst dir vorstellen, dass du eine Witwe bist.› Da hat es bei mir klick gemacht.»
Veloso fügt fast entschuldigend an: «Alexei war nicht naiv. Bevor er abreiste, sagte er mir: Wenn sie mich verhaften, töten sie mich. Du darfst dein Leben nicht damit verbringen, mich zu suchen. Aber was hätte ich tun sollen?» Sie schweigt. «Wir hätten einfach als Studenten in Genf weiterleben können. Es war ein solch sinnloser Tod.»
Vielleicht kam da die Entscheidung der Führung der sozialistischen Partei gerade richtig. 1979 startete die Operation Return. Die Oppositionsführer im Untergrund in Chile waren überzeugt: Die Diktatur lässt sich nur besiegen, wenn so viele Verbündete wie möglich ins Land zurückkehren. Veloso war eine der Ersten, die sich auf den Weg machten. Zurück nach Chile, das ihr so vieles genommen hatte.
«Freunde warnten mich: ‹Sie werden dich töten.› Und ich fürchtete mich. Aber ich war auch überzeugt: Wir können nicht ewig unter dieser Diktatur leben.»
Sofort nach ihrer Rückkehr meldete sich Veloso bei der Führung der sozialistischen Partei, liess sich in die lokale Parteispitze wählen und schrieb sich wieder an der Uni ein.
Anfang der 1980er Jahre öffnete sich der Raum in Chile für mehr Proteste. Die Rückkehr der Oppositionellen fiel zusammen mit einer wirtschaftlichen Krise, die immer mehr Kreise der Bevölkerung betraf. Nun witterten die Studentenorganisationen die Chance, politisch aktiver zu werden.
Veloso sagt, viele Leute glaubten heute, dass dies einfach so aus dem Nichts gekommen sei. «Wenn Sie diese Leute fragen, sagen die Ihnen, es sei wie Zauberei gewesen. Aber dahinter steckte jahrelange Vorbereitung.»
Dutzende Vereine und Organisationen hatten jahrelang im Versteckten Netzwerke aufgebaut. An den Universitäten dienten Kulturvereine als Front für die Partei, führten Konzerte durch, die nicht offensichtlich politisch waren, aber Interessierten die Möglichkeit boten, mit dem Widerstand in Verbindung zu bleiben.
In Velosos Familie hatte irgendwann jeder eine Aufgabe im Widerstand übernommen. Velosos Schwester half in einem Kulturverein, Veloso in der Partei. Und die Mutter organisierte sich mit ihren Freundinnen bei den «Müttern der Studenten», die sich für Studenten einsetzten, die verhaftet worden waren. «Sie zogen sich elegant an und besuchten die Polizeiposten. Jeder hatte eine Aufgabe.»
Das alleine reichte nicht, um die Diktatur zu besiegen. Doch die Linke fand in Chile einen Verbündeten in Gott. Veloso sagt, die Kirche habe sich von Anfang an für die Angehörigen der Verschwundenen eingesetzt. Sie – und mit ihr auch die christlichdemokratische Partei, die eigentlich immer gegen die Sozialisten gekämpft hatte – habe sich beim Putsch sofort gegen Pinochet gestellt.
Als die Proteste gegen die Diktatur ab 1983 Fahrt aufgenommen hätten, habe dies die linke Bewegung anschlussfähig gemacht bis weit in die Mitte der Gesellschaft. Einen der ersten gewerkschaftlichen Protestmärsche, den Kupferminenmarsch, führte ein Politiker der Christlichdemokraten an.
Aber wie gelangte der Widerstand schliesslich zurück vom Untergrund auf die Strasse? Wie lange agierte Veloso im Geheimen? Und wann war der Moment gekommen, um sich zu erkennen zu geben?
Die Geheimhaltung sei bis weit in die 1980er Jahre entscheidend gewesen, sagt Veloso. Keiner ihrer Kommilitonen wusste von ihrem verschwundenen Mann. Eine ihrer besten Freundinnen habe im Haus eines Marinesoldaten gewohnt. Veloso habe ihr nie erzählt, dass sie eine politische Aktivistin gewesen sei. «Wir lebten ein Doppelleben, ein Leben wie im Ghetto.» Erst kurz vor dem finalen Examen, als Veloso für ein Geheimtreffen in der Hauptstadt aufbrach, gestand sie ihrer Freundin, dass sie eine zweite Identität habe. «Ich sagte ihr meinen Namen in der Bewegung, Ana, und dass sie meine Familie informieren solle, falls ich verhaftet würde.»
Geheimnisse leben in Chile lange. Erst viel später habe ihr Bruder ihr erzählt, dass es in einem Schuppen in ihrem Garten eine geheime Druckerpresse gegeben habe. «Ich wusste nie davon. Dass mein Schwager auch in der Parteiführung war – keine Ahnung.»
1988 stimmte Pinochet unter dem Druck der Strasse, und nach einem Anschlag auf seinen Konvoi, einem Plebiszit über das Ende seiner Herrschaft zu. 55 Prozent stimmten gegen ihn. Der Weg für Wahlen war frei, die Zeit der Untergrundbewegung zu Ende.
Veloso sagt, sie denke oft daran zurück, wie jung sie gewesen seien, wie viele Risiken sie eingegangen seien. «Wie mein Vater es zulassen konnte, dass seine Töchter so engagiert waren. Er akzeptierte es widerwillig, aber trotzdem . . . Ich bin Mutter. Selbst heute in einer Demokratie habe ich Angst, wenn meine Kinder abends nicht nach Hause kommen. Wie haben unsere Eltern das ertragen?»
Veloso heiratete irgendwann ein zweites Mal. Die Suche nach Alexei gab sie nie auf. Seine Leiche hat Veloso nie gefunden. Aber den Ort, wo er umgebracht worden sein soll. In einem Konzentrationslager in den chilenischen Bergen. Zu diesem Schluss kam zumindest das Oberste Gericht in einem Urteil gegen die Schuldigen vor zwei Jahren «Die Bestrafung der Verantwortlichen interessierte mich nie. Ich wollte ihn finden. Zuerst lebendig, dann seine Überreste. Ihn einfach irgendwie finden. Dafür habe ich gekämpft. Jahrelang.»
Nach dem Fall der Diktatur nahm Veloso zahlreiche öffentliche Ämter an. 2006 war sie Teil des Kabinetts von Präsidentin Bachelet. Heute ist ihr Sohn Minister in der Regierung. «Dem Sog der Politik», sagt Veloso, «sind wir irgendwie nie entkommen.»
Eine Diktatur lässt sich besiegen, wenn man überlebt, die eigene Angst besiegt, nicht aufgibt und Verbündete findet. Das ist Velosos Lektion. Und dass es weh tun wird.
Doch es ist auch bei uns passiert – vielleicht kann es wirklich überall passieren. Das ist die Lektion derer, die erlebt haben, wie die Demokratie verschwindet. Sie wünschten sich, dass sie weniger naiv in den Moment der Krise gestolpert wären. Oder dass man auf sie gehört hätte, als sie andere zu warnen versuchten.
Aber keiner von ihnen war deswegen verbittert. Sie wissen ja, dass dieses Gefühl, wenn sich die eigene Welt gerade ins Gegenteil verkehrt, kaum zu vermitteln ist. Sie haben selbst erlebt, wie sie sich mit trügerischen Sätzen beruhigt haben: Mich wird es schon nicht treffen, so schlimm wird es wohl nicht werden, er wird das doch nicht so gemeint haben.
Genau darauf zählen sie – die Männer, denen die Demokratie nur hinderlich ist. Auf die Naivität, den Unglauben, das fehlende Vorstellungsvermögen. Auf den Satz: «Bei uns kann das nicht passieren.»