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Der Vermieter gibt, der Vermieter nimmt

Jeder, der in Zürich wohnt, verdrängt jemanden, der nichts gefunden hat. Wen habe ich die Wohnung gekostet?

Das Objekt, das Schweizer am meisten fürchten, ist der eingeschriebene Brief. Mit zitternden Händen und rasendem Puls öffnet man das Couvert und hofft, es möge nur eine Mahnung enthalten, auch mit einer Betreibung könnte man ja noch leben, nur verschone es einen vor der schlimmstmöglichen Botschaft: der Wohnungskündigung.

Wie viele eingeschriebene Briefe pro Jahr in der Schweiz die Kündigung überbringen, weiss niemand genau. Jede Statistik, die den grössten Albtraum vieler Schweizer messen könnte, ist mangelhaft: Die Schlichtungsstellen erfassen Verfahren, aber nur ein Bruchteil der Kündigungen wird überhaupt angefochten; die Stadt Zürich überwacht grob die Leerkündigungen ganzer Häuser, hat aber keine Zahlen zu einzelnen Wohnungen; und der Bund weiss gar nichts.

Es wirkt, als ob man die Zahl verdrängen möchte. Sicher ist: Sie liegt in den Tausenden jedes Jahr.

Das Mietverhältnis, begonnen mit Vertragsunterzeichnung, fortgesetzt mit Einzug und verfestigt mit Behängen und Bebohren, endet mit dem eingeschriebenen Brief in einer bürokratischen Formalie: dem Unterzeichnen eines Displays im schönsten Gelb der Schweizer Post.

Niemand will diesen Moment erleben. Schon gar nicht in Zürich, wo das Diagramm zur Leerwohnungsstatistik der EKG-Linie bei einem Herzstillstand gleicht: flach, unbeweglich, scheinbar für alle Ewigkeit bei null.

Anfang 2024 erreicht der Brief das Haus, in dem ich wohne.

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